Von Christoph Wendt

Wie eine rote Melone steht die Abendsonne über dem Kulapaß. Mächtige Tannen werfen lange Schatten auf die Straße, die sich – von Rožaj kommend – Kehre um Kehre in die Höhe schraubt. Oben dehnt sich weites, welliges Almengelände, nur hier und da von Tannen, Lärchen und Buchen durchsetzt. Weitverstreut weiden Herden, Schafe, Rinder und Pferde. Die Hirten haben weite, fußlange Fellmäntel an.

Hier oben beginnt die autonome Provinz Kosovo sozusagen Albanien in Jugoslawien. Denn die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung ist albanischer Volkszugehörigkeit, spricht albanisch und bekennt sich zum Islam. Die Kuppeln der Moscheen und die spitzen Türme der Minaretts im Kosmet zeugen davon. Die Städte der Provinz, Peć, Prizren oder die Hauptstadt Priština haben in ihren alten Gassen und Bazaren unverkennbar orientalisches Gepräge.

Peć ist die erste Stadt in Kosovo, die wir erreichen. Die Männer tragen enge Hosen und weiße oder schwarze Filzkäppchen auf dem Kopf; die Frauen weite, weiße Filzröcke mit bunten Wollschürzen, verzierte Mieder und Kopftücher. Die Beschriftung der Geschäfte, die bescheidenen Reklamen, die Bekanntmachungen – alles ist zweisprachig: albanisch und serbisch. Und überall weht neben der jugoslawischen Trikolore die rote Flagge mit dem schwarzen Adler der Skipetaren.

Es ist kein Touristenland. Anders als Dalmatien, als die Plitzvitzer Seen oder gar der ferne Ohrid-See in Makedonien ist es im Ausland kaum bekannt. Da ändert auch die Vielzahl der Wagen mit deutschen, schweizerischen oder schwedischen Kennzeichen nichts. Die Fahrzeuge gehören fast ausnahmslos jugoslawischen Gastarbeitern, die auf Heimaturlaub sind.

Einen von ihnen, Mirko, seit neun Jahren in Hamburg beschäftigt, lernen wir in Dakovica kennen, einer kleinen Kreisstadt, nur einen Steinwurf von der albanischen Grenze entfernt. Wir stehen vor dem Fenster eines der ungezählten kleinen Grillrestaurants und schauen zu, wie drinnen die Cevapčići brutzeln und dampfen.

„Kann ich Ihnen helfen?“ hatte er freundlich gefragt und ohne eine Antwort abzuwarten die Türe der kleinen Grillstube geöffnet. Er lud uns ein, Platz zu nehmen und bestellte Essen und Getränke nach unseren Wünschen. Als neugierige Kinder von draußen hereinkommen, um die Touristen, echte Touristen, näher anzuschauen, vielleicht auch um ein paar Dinar zu erbitten, genügt eine Handbewegung von ihm, um uns in Ruhe essen zu lassen.