Von Günter Döding

Hohe Arbeitslosigkeit, steigende Inflationsraten und eine Wirtschaft, die in diesem Jahrzehnt einen tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen muß – das alles erfordert auch ein Umdenken in der Tarifpolitik. Die ZEIT hat einige Gewerkschaftsvorsitzende gebeten, ihr tarifpolitisches Konzept für dieses Jahrzehnt zu skizzieren. Diesmal schreibt Günter Döding, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG).

Die Gewerkschaften bejahen den technischen Fortschritt. Aber ohne sozialen Fortschritt führt der technische Fortschritt oft zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und bringt noch mehr Leistungsverdichtung und Monotonie in Betriebe und Verwaltung. Wir müssen uns deshalb fragen: Wie läßt sich der technische Fortschritt sozial beherrschen, wie kann er für die Arbeitnehmer von Nutzen sein? Soll er einzelnen zusätzliche Gewinne bringen oder soll er dazu dienen, die Arbeits- und Lebensbedingungen aller Menschen zu verbessern?

Gerade vor dem Hintergrund hoher Arbeitslosigkeit geht es den Gewerkschaften darum, die Arbeitszeit zu verkürzen, in welcher Form auch immer. Und dazu gehören die Überlegungen, die Arbeit umzuverteilen. Daß dies auch Geld kostet, bestreitet niemand. Zugegeben: Arbeitszeitverkürzung ist kein Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit. Aber sie ist ein helfender Beitrag. Ich meine, wir müssen zumindest den Trend in Richtung Arbeitslosigkeit brechen; wir müssen den politischen Druck, der von Arbeitslosigkeit herrührt, reduzieren.

Die Gewerkschaft NGG konzentriert ihre Anstrengungen nach wie vor auf die besonders belasteten Gruppen, ältere Arbeitnehmer und Schichtarbeiter. Für sie ist jede Form der Arbeitszeitverkürzung auch aus humanen Gründen am dringlichsten und der Nutzen selbst kleinster Schritte am größten. Den älteren Arbeitnehmern soll ein allmählicher und schrittweiser Übergang in den dritten Lebensabschnitt ermöglicht werden.

Unser jüngster Vorschlag sieht folgendes vor: Den älteren Arbeitnehmern soll bereits mit 60 Jahren das Ausscheiden aus dem Berufsleben ermöglicht werden, um Arbeitsplätze vor allem für jüngere Leute freizumachen. Rund 360 000 Ältere könnten ein solches Angebot nutzen. Die 60jährigen und älteren Mitarbeiter, die freiwillig vorzeitig aufhören wollen, sollten 75 Prozent ihrer bisherigen Bezüge erhalten, und zwar fünfzig Prozent als Übergangsgeld von der Bundesanstalt für Arbeit und 25 Prozent durch tarifvertragliche Regelungen.

Voraussetzung für ein solches Modell ist, daß für jeden Älteren, der vorzeitig ausscheidet, ein jüngerer Arbeitsloser, ein Schüler oder ein Hochschulabsolvent eingestellt wird. Damit aber nicht automatisch jüngere Jahrgänge in neue Ansprüche hineinwachsen, soll diese Regelung nur solange gelten, wie die wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Situation dies erfordert.