Ihr Lächeln ist allgegenwärtig, und ihre Badeanzüge sind weiß. Sie sitzen auf schwarzen Lavafelsen und auf zahlreichen Ansichtskarten – die Taucherinnen von Cheju. Man scheint sie schon zu kennen, wenn man auf die neunzig Kilometer von der Küste entfernte koreanische Inselprovinz kommt, und fast jeder Cheju-Besucher will sie dann natürlich auch in natura bestaunen – die langmähnigen, sanftäugigen Unterwasser-Suzie-Wongs.

Der Morgen ist trübe, feucht und schwül. Über dem Sunrise Peak, der steil aus dem Wasser steigt, blinzelt keine Sonne. Am bleigrauen Himmel rotten sich Wolken zum nächsten Regenguß zusammen. Der schwarze Strand von Ilchul Bong nimmt sich nicht eben einladend aus. Das Wasser schwappt über die rauhen Lavabrocken. Wuselige Krebslein huschen flink durch die Pfützen. Auf dem schorfigen Gestein hocken winzige, kaum sichtbare Pflanzen, die sich bei der kleinsten Berührung blitzschnell einkapseln. Von den Meerjungfrauen keine Spur.

Schließlich stapfen sie dann doch die Stufen zum Strand hinunter – wahrlich keine weißen Nixen, sondern stämmige Enddreißigerinnen in schwarzen Gummianzügen mit Handschuhen, Flossen und Taucherbrille. Hier geht es nicht um Pin-up-Photos, sondern um atemlos harte Arbeit. Die Taucherinnen ernten die Lebensmittel, die im Meer wachsen. Drei bis vier Minuten bleiben sie unter Wasser und füllen ihre Netze. Was sie dann allerdings wiederbringen, weckt nicht gerade den Appetit: Rot und schwarz wabbelt und glibbert es in den Plastikschüsseln, See-Ginseng sagt man zu der unansehnlichen, schwammigen Masse, die uns vier Tage später gedünstet bei einem Buffet wiederbegegnet. Wie köstlich doch dagegen der Seetang, den die Damen aus der Tiefe tauchen, wie köstlich die Muscheln und die Meerschnecken.

180 Taucherinnen leben in Ilchul Bong, keine jünger als 35, die älteste 70. Sie. verdienen ganz ordentlich, aber sie haben Angst, denn sie teilen ihr Tauchrevier mit hungrigen Haien. Fünf wurden im letzten Jahr vor der Küste von Ilchul Bong erlegt.

Samdado ist der alte Name Chejus. Samdado bedeutet Insel, die reich an drei Dingen ist, an Frauen, Steinen und Winden. Der Name trifft zu. Das mit den Frauen auf Cheju hat seine Besonderheit. Die Uberlieferung und die Reiseleiterin erzählen, sie hätten nicht nur das Sagen, sondern auch das Arbeiten, die Frauen von Cheju, sie wären die tüchtigsten aller koreanischen Provinzen, würden härter arbeiten als jeder Mann. Das die eine oder andere überdies auch noch recht liebreizend ausschaut, ist augenfällig.

Cheju, die sanftgrüne Insel mit rauhen, schwarzen Lavarändern, ist wahrhaft steinreich. Die fleißigen Bauern – oder waren’s die Bäuerinnen – haben die Steine aufgehoben und ihre Felder mit Mäuerchen aus Basaltbrocken eingezäunt. Dazwischen wässert Reis, gedeiht Gemüse, wachsen Ananas, Orangen und Tangerinen. Die Mäuerchen schützen vor den Winden, die wild über die Insel fegen und uns fürchten lassen, wir würden mitsamt dem Hotel weggeblasen.

Daß uns solches nicht geschieht, dafür sorgt Dalharubang, der Schutzgott der Insel, ein dicker, phallusförmiger, glubschäugiger Steinopa, der nicht nur an Brücken und Dorfeingängen sitzt, sondern auch in den Souvenirläden der Inselhauptstadt.