Vor dem dritten Start der Raumfähre: Europa hat aufgeholt

Wir haben ein Trauma“, bekannte Roy Gibson, „das Trauma, daß Europa keine funktionstüchtigen Großraketen bauen kann.“ Der ehemalige Direktor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) gestand seine Angst vor dem großen Schuß zu Weihnachten 1979, vor dem ersten Testflug der neuentwickelten europäischen Großrakete „Ariane“.

Gibsons Trauma wurzelte im Schicksal der ersten Europa-Rakete: Jener in den sechziger Jahren entwickelte Hundert-Tonnen-Flugkörper war mit seinen zahlreichen Fehlstarts auf dem besten Weg gewesen, eine Lebensversicherung für Karikaturisten in aller Welt zu werden, als das Projekt Anfang der siebziger Jahre eingestellt wurde.

Doch „Ariane“, mit 48 Meter Länge und 210 Tonnen Gewicht die größte je in Westeuropa gebaute Rakete, erhob sich fast wie Phönix aus der Asche europäischer Raumfahrtträume: Von vier Probeschüssen waren drei erfolgreich. Und selbst die Ursache für den einzigen Fehlstart konnte im Treibstoff-Einspritzsystem gefunden und beseitigt werden. Kürzlich meldete nun die ESA, daß die Erprobungsphase ihres drei Milliarden Mark teuren Projekts abgeschlossen ist – „Ariane“ gilt jetzt als „operationell“.

Die Nachricht erregte in den Vereinigten Staaten fast mehr Aufmerksamkeit als in der Alten Welt. Und das aus gutem Grund. Denn die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa hatte parallel zur Erprobung der „Ariane“ mit den Testflügen ihres bemannten und wiederverwendbaren Raumtransporters (Space Shuttle) begonnen. Die Raumfähre „Columbia“ absolvierte bisher, zwei ihrer vier vorgesehenen Testflüge erfolgreich.

Europas Geschäft im All

Als wollte eine unsichtbare Einsatzleitung die europäisch-amerikanische Raketen-Konkurrenz deutlich machen, starten jetzt beide Raumfahrzeuge erneut in relativ engem zeitlichen Abstand. Am 22. März sollen die Nasa-Astronauten Jack Lousma und Gordon Fullerton die „Columbia“ zu einer einwöchigen Raumreise von Florida aus in die Erdumlaufbahn steuern. Vier Wochen später und um einiges weiter südlich, im südamerikanischen Kourou (Französisch-Guayana), will die ESA ihre „Ariane“ mit gleich zwei Kommunikationssatelliten – „Marecs-B“ und „Sirio-2“ – zum ersten Flug nach Abschluß der Testphase abheben lassen.