Darmstadt

Krematorien nehmen immer mehr den Charakter von Industrieanlagen an. Weil zuviel Schmutz dem Schornstein entweicht, zwingen strenge Auflagen zu Umrüstungen bundesdeutscher Krematorien. Eingebaut werden müssen, neben einem Rauchgasfilter, eine Nachverbrennungszone, in der die flüchtigen Reste von Sarg und Leichnam noch einmal auf 900 Grad Celsius erhitzt und dadurch entgiftet werden.

Ist man auf diese Weise der Abgasemission entgegengetreten, so tritt aber eine neue Umweltbelastung durch Wärme auf. Etwa 300 bis 400 Grad heiße Luft entweicht der Esse. Anstatt die Luft abzukühlen, haben vor einem Jahr die Bauexperten des Berliner Senats für Stadtentwicklung und Umweltschutz Pläne vorgelegt, die vorsehen, einen Teil der zusätzlichen Energie für die Nachverbrennung wirtschaftlich nutzbar zu machen.

Die Krematoriumswärme soll nicht nur die Feierhallen im Winter beheizen, sondern auch Schulen, Schwimmbäder und Wohnräume. Was den Berlinern eventuell noch bevorsteht, wird in Darmstadt seit über zwei Jahren im kleineren Maßstab praktiziert. Dort wird die Abwärme, die in der Leichenverbrennungsanlage anfällt, bereits genutzt. Mit ihr wird die Feierhalle beheizt, Frühstücks- und Mannschaftsräume, Dienstwohnungen und Verwaltungsräume der Krematoriumsbediensteten. Am liebsten würden die Friedhofsverwalter auch Leitungen hinüber zu näheren umliegenden Firmen legen, um so beispielsweise eine Gärtnerei zu beheizen.

Pietätsfragen ergeben sich für die Krematoriumstechniker nicht, denn für sie ist die Abwärme aus dem Krematorium „einfach nur Wärme im energetischen Sinne und das hat mit Pietät nichts zu tun“. Wärme ist Wärme, ob aus der Müllverbrennungsanlage oder einem Krematorium.

Oberkirchenrat Peter Soeder sowie der evangelische und katholische Dekan in Darmstadt erklären, „das haben wir nicht gewußt“. Evangelische und katholische Pfarrer, gefragt, was sie davon halten, wenn die Abwärme bei der Leichenverbrennung wirtschaftlich nutzbar gemacht wird, antworteten von „ist mir persönlich gleichgültig“ über „irgendwo wird da die Pietät berührt bis zu „Assoziationen mit Auschwitz“. Aber auch: „Der Tote gehört ja niemanden mehr“, oder, „wenn die Nachwelt ihren Nutzen daraus hat, warum nicht?“

Das Berliner Konsistorium der evangelischen Kirche gab „grünes Licht“ für die Abwärmepläne. Von einem Umbau der Krematoriumsanlage ist der Berliner Stadtteil Wilmersdorf voraussichtlich erst in vier Jahren betroffen. Bezirksbaudezernent Jörg Herrmann befürwortet die Pläne der Friedloßtechniker, „besser als die Wärme durch den Schornstein zu jubeln“.

Ganz entschieden anderer Meinung ist sein Kollege Jürgen Lüdtke in Berlin-Wedding, wo ein Umbau unmittelbar bevorsteht. Stadtrat Lüdtke war erst einmal entsetzt, als er von den Plänen erfuhr, da sie gegen jede Sitte und Anstand verstoßen. Lüdtke: „Grundsätzlich sollen aus Krematorien keine wirtschaftlichen Nutzen gezogen werden; ein Krematorium ist doch kein Kraftwerk.“ Gerd Friedrich