Von Hans-Hagen Bremer

Im fernen Tokio reagierte Belgiens Außenminister Tindemans ganz japanisch – und wurde prompt von seinen Gastgebern mißverstanden. Europa und Japan, so hieß es nach den Gesprächen, die der Belgier als amtierender Ratspräsident der Europäischen Gemeinschaft (EG) mit Mitgliedern der japanischen Regierung geführt hat, seien sich einig in der Abwehr amerikanischer Forderungen nach mehr Gegenseitigkeit im internationalen Handel. Doch Tindemans hatte seinen Gesprächspartnern keine Zustimmung zu einem Bündnis gegen die USA signalisieren wollen, sondern nur zu verstehen gegeben, daß er die von den neuesten handelspolitischen Vorstößen Washingtons ausgehenden Gefahren erkannt habe, wie ein Mitarbeiter Tindemans klarstellte.

Vorsichtige Zurückhaltung ist durchaus angezeigt. „Denn nichts“, so warnt der für die Außenhandelspolitik der Gemeinschaft zuständige Vizepräsident der Brüsseler EG-Kommission Haferkamp, „könnte schädlicher sein als ein gegenseitiges Zusammenrotten der Großen des Welthandels.“

Dabei gibt es von der Sache her in dieser Frage zwischen den handelspolitischen Streithähnen Tokio und Brüssel durchaus gemeinsame Interessen. Sollte nämlich der amerikanische Kongreß aus Verdruß über die unzureichende Öffnung des japanischen Marktes die Regierung dazu verpflichten, das Prinzip der Reziprozität gegenseitiger Handelszugeständnisse zur Richtschnur des Umgangs mit Japan zu erheben, so wäre die EG davon über kurz oder lang in gleicher Weise betroffen.

Solche Gesetzesinitiativen liegen in beiden Häusern des amerikanischen Kongresses. Sie spiegeln eine wachsende Verstimmung Amerikas wider. Im Lande setzt sich der Verdacht fest, amerikanische Handelsinteressen würden durch unfaire Praktiken der Partner mehr und mehr geschädigt. Seit dem Antritt der Reagan-Regierung, die sich dem vorgeblich reinen, durch keinerlei Staatseingriffe verfälschten Wettbewerb verschrieben hat, hat sich dieser Verdacht noch verstärkt.

Bisherige Höhepunkte dieser Grundströmung sind die Dumping-Klagen der amerikanischen Stahlindustrie gegen Stahlexporteure aus der EG sowie die Attacken der amerikanischen Regierung gegen die Subventionierung europäischer Agrarexporte.

Mit dem Verlangen nach Gegenseitigkeit kommt nun auch Japan, dessen Handelsüberschuß mit den USA sich in der Größenordnung des Defizits der EG im Warenverkehr mit Amerika bewegt, ins Visier Washingtons. Und das hat die EG-Kommission alarmiert. Wie die USA kritisiert auch sie die „notorische Abschottung des japanischen Marktes“.