Der japanische Regierungssprecher Miyazawa vergaß alle asiatische Langmut: „Ich zweifle, ob die Amerikaner wirklich die GATT-Regeln kennen“, polterte der als sensibel geltende ehemalige Außenminister in Tokio. „Deshalb haben sie sich in Washington nun die Reziprozitätsgesetzgebung ausgedacht, die uns alle in die dreißiger Jahre zurückwerfen wird.“

Für Miyazawa ist der Disput um Nippons Außenhandelspolitik beendet: „Kein anderes Land hat so viel für die Importerleichterung getan wie Japan“, grollte er und befand, mehr Konzessionen könne man Tokio nun nicht abpressen. Regierungschef Suzuki zeigt sich da weniger sicher: „Sollte noch irgend etwas zu tun bleiben, müssen wir unverzüglich handeln.“

Der japanische Premierminister steckt in einer Zwickmühle: Einerseits insistiert Washington auf weitere „dramatische Schritte“ Tokios zur Verringerung des Defizits von zwanzig Milliarden Dollar im Handel der USA mit Japan, wie es der amerikanische Handelsminister Baldrige forderte. Andererseits paralysiert jetzt ein Kleinkrieg der einzelnen Ressortchefs im japanischen Kabinett jede Mehrheitsentscheidung. „Bei uns macht jetzt jedes Ministerium seine eigene Amerika-Politik“, versuchte ein Kommentator der Fernsehanstalt TBS seinem Publikum die hektischen „Dementis halbherziger Versprechungen“ und die vielen Reisen japanischer Politiker in die USA und nach Europa zu erklären.

In diesem Monat hat die japanische Regierung mit einer umfassenden Imagewerbung begonnen. Ihr Ziel ist der Abbau angeblicher Mißverständnisse des Auslands. Vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Paris sollen sie soweit wie möglich beseitigt werden.

Doch seither sind die Mißverständnisse eher gewachsen. Das Mißgeschick begann am 30. Januar: Damals hatte sich Tokio nach heftigem Druck aus Washington und Brüssel bereit erklärt, 67 Einfuhrhemmnisse abzubauen, deren Existenz die Regierung zuvor stets so entschieden bestritten hatte, daß sich Premier Suzuki auch heute noch nicht umgewöhnen kann. Für ihn bleiben diese und andere Handelshürden unverändert „Mißverständnisse des Auslands“. Um darüber aufzuklären, setzte er eine hochkarätige Delegation unter Leitung des ehemaligen Handelsministers Esaki in Marsch, die ihr Glück zunächst in den USA versuchte und in diesen Tagen die Europäische Gemeinschaft aufsucht.

Esaki soll die Handelspartner über das neue Liberalisierungspaket Tokios aufklären, das zur Überraschung der Japaner in den USA und von der EG als Augenwischerei abgetan worden ist. Esaki sollte gleichzeitig bei Kongreßabgeordneten gegen die Reziprozitätsvorlagen Stimmung machen, die Tokio als Ermächtigungsgesetz zur Strangulierung der japanischen Exporte versteht. Esaki versuchte, den Amerikanern zu erklären, daß die wachsenden Defizite der USA und der Europäer im Handel mit Japan allein auf die hohen Zinsen in den USA zurückzuführen seien. Diese hätten zu einem niedrigeren Yen-Kurs geführt. Deshalb sei Washington an seinen Defiziten selbst schuld.

Doch die Esaki-Reise brachte die amerikanisch-japanischen Handelsbeziehungen vollends auf den Nullpunkt. Die amerikanischen Gastgeber verdächtigten ihn der Doppelzüngigkeit, da Tokio seit Jahren beteuert habe, der japanische Markt stehe Importen weit offen. Statt die Reziprozitätsvorlage in den Schubladen verschwinden zu lassen, schickten sie Esaki mit drastischen Zuforderungen auf den Heimweg.