Von Norbert Heinze

Wer die Türkei nicht kennt, kennt wenigstens Gruselgeschichten; wer sie bereist hat, ist fast immer begeistert. Diese Erfahrung haben wir zumindest in unserem Freundeskreis gemacht, zu dem immer mehr Türkeifahrer gehören.

Wir selbst sind innerhalb eines guten Jahres dreimal durch die Türkei gefahren, einmal noch vor dem Militärputsch, dann einen Sommer später einmal im Juli, einmal Ende August. Auf zehntausend Reisekilometern im VW-Campingbus haben wir Haupt- und Nebenrouten lieben, manchmal aber auch fürchten gelernt. Wir haben uns bewegt zwischen der noch abendländisch geprägten westlichen Mittelmeerküste und dem orthodox islamischen Anatolien, zwischen der felsigen Schwarzmeerküste im Norden und den idyllischen Urlaubsstränden im mediterranen Süden. Zwischen Istanbul natürlich und Izmir (Smyrna), zwischen dem hellenistisch-römischen Ephesos und dem seldschukischen Konya, zwischen den Naturwundern von Pamukkale und der Beamtenstadt Ankara erstreckt sich die Türkei, die wir für uns entdeckt haben. Aus der Weite des Landes – die Ost-West-Ausdehnung beträgt 1800 Kilometer – ergibt sich eine Vielfalt von Landschaften und Kulturen. Wir waren in Städten, deren Namen noch Erstaunen hervorrufen. „Wie, das liegt in der Türkei?“

Wer aus Deutschland in Richtung Türkei fährt, der darf mit Segenswünschen seiner Freunde und Verwandten rechnen, als ginge es durch Karl Mays wildes Kurdistan.

Natürlich hat der ADAC recht, wenn er vor schlechten Straßen warnt; aber bei den türkischen Touristenbüros bekommt man eine Straßenkarte geschenkt, auf der deutlich zwischen asphaltierten und geschotterten Straßen unterschieden wird. Wer sich auf Schotterstraßen einläßt, der muß wissen, daß er nur langsam vorankommt, daß Steine fliegen und der Staub unweigerlich durch alle Ritzen des Autos dringt. Wer die vorzüglichen Hauptverbindungen, etwa die E 5 zwischen Istanbul, Ankara und der Kilikischen Pforte (Öffnung nach Syrien) heute fährt, kann sich über die Straßenwarnungen nur wundern. Vor einem Jahr allerdings waren die Straßen oft arge Baustellen.

Es stimmt auch, daß es vor zwei Jahren einen Benzinengpaß gab, der zu langen Schlangen an den Tankstellen geführt hat. Bei unseren drei Fahrten haben wir aber nur eine Tankstelle gefunden, die kein Benzin anbieten konnte – dort mußte gerade die Pumpe repariert werden. Super-Benzin ist allerdings meist nur in Tankstellen am Rand größerer Städte zu finden; darauf muß man sich einstellen.

In ärgerliche oder gar bedrohliche Situationen sind wir nie gekommen, weder vor noch nach der Machtübernahme durch das Militär. Im Gegenteil, wir haben viel Herzlichkeit kennengelernt. Immer wieder sprachen Gastarbeiter uns auf ihre Zeit in Deutschland an und wollten uns voller Stolz zeigen, welche Existenz sie sich mit deutschen Löhnen und Gehältern aufgebaut haben. Erst in intensiveren Gesprächen wurden Facetten der Gastarbeiterproblematik erkennbar. Der Stolz auf das eigene schöne Land, das man dem interessierten Reisenden zeigen kann, ließ Mißtöne nicht aufkommen.