Die Maremma – Toskana des Meeres

Von Rainer Schauer

Bordello“. – Der alte Mann mit der Harke im etruskischen Ruinenfeld von Vetulonia lächelt vertrauenerweckend, nickt eifrig mit dem Kopf, so als wolle er seine Einladung noch einmal nachdrücklich bestätigen. Ich bleibe verdutzt stehen. Das Angebot eines spät berufenen Vermittlers ländlich-italienischer Prostitution hinter jahrtausendealten Mauern? Eine Aufforderung zu einem frivol-fröhlichen Nymphenreigen zwischen tautropfenglänzenden Gräsern und Büschen unter einer frühen Toskanasonne?

„Bordello“ – wiederholt der Alte, kommt näher und zieht mich am Ärmel zu einer aus Quadern geformten Mauer. Dort weist er wie triumphierend auf eine Stelle. Nichts sehe ich. Der Hüter des verborgenen Schatzes von Vetulonia deutet auf mein Teleobjektiv und macht die Geste des Fotografierens. Und erst im Sucher merke ich dann, was mir der Alte erzählen will: Hier stand einmal das etruskische Bordell, erkenntlich an einem überdimensionierten Penis, der aus der Mauer herausgearbeitet worden war.

Wir beide lachen lauthals an ehrwürdiger Stätte. Er, weil er weiß, daß ich ihn begriffen habe, ich, weil ich mich ihm für seine ausdauernde Emsigkeit erkenntlich zeigen will. „Deutsch?“ „Si.“ Viel mehr kann keiner in der ihm fremden Sprache. Und doch begreife ich fast alles, was Vittorio, der Unkrautjäter in den Ruinen, mir zu erklären versucht.

Die Steinaufhäufungen, die ich vorher als zufällig angesehen habe, entpuppen sich als mühsam rekonstruierte etruskische Wasserklosetts. Der in die Mauer gemeißelte Pfeil, versteckt an einem von Efeu bedeckten Quader, ist das Zunftzeichen des verblichenen Architekten, die großen Pflastersteine auf der gut erkennbaren Hauptstraße der Ruinenstadt sind römischen Ursprungs, die kleineren in den Seitenstraßen etruskischer Herkunft. Aha, dort stand also das öffentliche Bad für Erwachsene und dahinter das für Kinder. „Bene“, sage ich. Und die unscheinbaren Steinwällchen, sauber als Vierecke zu erkennen, markieren die Zimmer etruskischer Häuser. Ich vertraue Vittorios Erzählungen und Deutungen noch heute. Egal, ob ich ihn nun falsch verstanden habe oder die hehre Wissenschaft das Gegenteil beweist. Vittorio ließ die Steine sprechen.

Vetulonia war eine der wichtigsten Städte des etruskischen Zwölfer-Bundes, zu dem sich die unabhängigen Stadtstaaten dieses rätselhaften Volkes zusammengeschlossen hatten. Heute zeugt nichts mehr von der einstigen Bedeutung dieser Etrusker-Metropole. Verträumt und kaum besucht liegt das neuzeitliche Vetulonia auf einer Bergkuppe, über die die Macchia einen immergrünen Teppich gezogen hat.