• Die Europäische Gemeinschaft hat nun eine endgültige Sanktionsliste gegen die Sowjetunion verabschiedet. Eine ganze Reihe von Produkten aus der UdSSR dürfen nicht mehr im bisherigen Umfang in die Gemeinschaftsländer eingeführt werden. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Schoser: In erster Linie ist es eine politische Maßnahme, die im Zusammenhang mit den Ereignissen in Polen steht. Der Zweck ist, auf die Sowjetunion Druck auszuüben. Wirtschaftlich gesehen ist die Maßnahme sicherlich nicht allzu wirksam einzuschätzen. Sie konzentriert sich nur auf wenige Waren. Es handelt sich also mehr um ein politisches Zeichen als um eine wirklich greifende Sanktion. Die Gemeinschaft will der Sowjetunion damit verdeutlichen, daß sie es ernst meint, daß auch mit Taten zu rechnen ist, wenngleich diese Taten zunächst dosiert sind und nicht in ein allgemeines Embargo ausarten.

  • Nun enthält diese Sanktionsliste ein eher kurioses Sammelsurium von Waren: Kaviar, Krimsekt und Diamanten, Güter, die nicht gerade zum Alltag gehören, auf die leicht zu verzichten ist. Das macht es dann leicht, ein Signal zu setzen. Handelt es sich nicht doch eher um eine politische Kinderei?

Schoser: Auf den ersten Blick könnte man meinen, es steckt ein wenig Spielerei darin. Aber wir sehen auch eine Gefahr. Die Gemeinschaft hat sich auf diesen Schritt sehr rasch geeinigt. Die beschlossenen Maßnahmen sind zwar in der -Wirkung beschränkt, aber die Einigkeit in der Sache hat uns, also die Wirtschaft, doch etwas erschreckt. Außerdem sind bei diesen Sanktionen ja nicht nur Kaviar und Krimsekt dabei, sondern auch Traktoren und chemische Produkte. Insgesamt sind 58 Positionen betroffen.

  • Sehen Sie in diesen Maßnahmen durchaus auch den Beginn eines möglichen Handelskrieges? Schließlich wäre es nicht das erste Mal, daß so etwas mit einem eher lächerlichen Vorgeplänkel begonnen hat.

Schoser: Es in die Kategorie Handelskrieg einzuordnen, fände ich übertrieben. Dennoch tut die deutsche Wirtschaft gut daran, auf diesem Sektor sehr sensibel zu reagieren, weil unsere Volkswirtschaft von Aus- und Einfuhr abhängig ist. Immerhin erwirtschaften wir etwa ein Drittel unseres Sozialprodukts durch den Export. Deshalb sind Handelsbeschränkungen, gleich welcher Art, für uns sehr bedeutsam. Wenn wir berücksichtigen, daß es innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zu protektionistischen Maßnahmen ganz generell sehr unterschiedliche Positionen gibt, auch solche, die dabei sehr gern mitmachen, dann muß eine Einigung auf Sanktionen besonders beachtet werden. Ich möchte es da gern mit dem alten Spruch halten: Wehret den Anfängen.

  • Das gilt für die jetzt beschlossenen Importsanktionen. Nun gibt es ja noch massiven Druck von amerikanischer Seite, auch die Exporte in die Sowjetunion zu reduzieren. Das ist ja nicht vom Tisch oder...