In der Bundesrepublik ist die Zeit zweistelliger Renditen vorüber. Wer noch zehn Prozent und mehr kassieren will, muß mit seinem Geld ins Ausland gehen oder es in Mark-Anleihen anlegen, deren ausländische Emittenten am Kapitalmarkt nicht die beste Bonität zugebilligt wird.

Seit September vergangenen Jahres sinkt in der Bundesrepublik der Zins. Damals lagen die Renditen für Papiere mit zehnjährigen Laufzeiten deutlich über elf Prozent, heute sind sie auf unter 9,50 Prozent gefallen.

Geändert hat sich auch die Zinsstruktur. Bislang lagen die Zinsen für Anlagen mit kurzen Laufzeiten beträchtlich über denen der Langfrist-Papiere. Fachleute sprachen von einer Zinsinversion. Denn im Normalfall bekommt der Sparer für Papiere mit langen Laufzeiten die höchsten Renditen. In den vergangenen 2 1/2 Jahren war dies gerade umgekehrt. Jetzt winkt die Normalisierung.

Die Bundesbank hat in den letzten Monaten jede Gelegenheit zum Abbau des aus binnenkonjunktureller Sicht überzogenen Zinsniveaus genutzt. Sie hat den Sonderlombardsatz von zehn auf zwölf Prozent ermäßigt und außerdem durch Liquiditätshilfen verschiedener Art der Kreditwirtschaft Hilfestellung gewährt. außerdem wurde ihr diese Politik durch eine Besserung der Leistungsbilanz, neuerdings auch durch einen Rückgang der Inflationsrate auf 5,8 Prozent und nicht zuletzt durch die rasche Beendigung des Tarifkonflikts in der Metallindustrie zu einigermaßen akzeptablen Bedingungen.

Daß die Bundesbank bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gegangen ist, zeigt der Wiederanstieg des Dollar-Kurses gegenüber der Mark. Von dieser Seite her sind der Zinssenkunspolitik der Bundesbank nach wie vor Grenzen gesetzt. Nur eine nachhaltige Zinsrücklaufbewegung in den USA würde der Bundesbank zusätzlichen Spielraum bringen. Doch nach wie vor bleibt die Zinsentwicklung in den USA unübersichtlich. Steigt dort der Zins – und das kann nicht ausgeschlossen werden, wird die Bundesrepublik folgen müssen, wenn wir nicht einen weiteren Kapitalabfluß riskieren wollen.

Aber auch Inlandseinflüsse können eine Zinsumkehr bewirken. Am Rentenmarkt horchte man besorgt auf, als schwarz auf weiß bescheinigt wurde, daß Bund, Länder und Gemeinden ihre Steuereinnahmen wieder einmal zu optimistisch eingeschätzt hatten. Bundesfinanzminister Matthöfer mußte deshalb gestehen, daß der Bund sich um einen noch nicht näher fixierten Betrag höher verschulden wird, als bisher angenommen worden war. Wer behauptet, eine Zinssenkung sei die beste Arbeitsbeschaffungspolitik, sollte sie durch zusätzliche Anforderungen an den Kapitalmarkt nicht gefährden.

Die Ausländer beginnen gerade wieder Vertrauen in die Mark als Aufwertungswährung zu setzen und trotz der vergleichsweise niedrigen Zinsen auf Mark lautende Papiere zu erwerben. Das Vertrauen bleibt nur dann erhalten, wenn die Ansätze zu einer Schuldenkonsolidierung glaubhaft bleiben und nicht durch eine außerplanmäßige Neuverschuldung aufs Spiel gesetzt werden.