Von Dietrich Strothmann

Das eine erscheint im nachhinein doch nicht nur wie ein Versprecher. Zum Auftakt des niedersächsischen Landtagswahlkampfes war zum Jahresbeginn auch der Bundeskanzler zu seinen Getreuen nach Hannover gekommen, um ihnen – was sie bitter nötig hatten – ein bißchen Mut zu machen gegen den sicheren Sieger Ernst Albrecht. Helmut Schmidt erinnerte die gramvollen Genossen, die gerade bei der Kommunalwahl in den Keller geraten waren, an die großen Reiter des Niedersachsenrosses, alles SPD-Ministerpräsidenten – „Hinrich Wilhelm Kopf, Schorsch Diederichs und Albrecht Kubel“. Da stockte der Kanzler und korrigierte flugs seinen Versprecher: „Alfred Kubel, der Albrecht kam eben dazwischen.“

Der Albrecht freilich, der 1976 nach Kubels vorzeitigem Rücktritt mit Hilfe von drei Abweichlern der damals regierenden SPD/FDP-Koalition so unerwartet „dazwischenkam“, ist seitdem ganz oben. Er blieb dort 1978 nach einer gewonnenen Landtagswahl (48,7 Prozent), durchstieß letztes Jahr bei den Kommunalwahlen sogar die Schallmauer von 50 Prozent und wird, nach letzten Umfragen, ohne Mühen auch oben bleiben. Fürs erste hat Ernst Albrecht die lange und stolze Geschichte der regierenden „roten Welfen“ im Leineschloß beendet.

Das andere war mehr als nur ein leichtfertiger leichtathletischer Vergleich aus dem stets flotten Munde Peter von Oertzens. Als seine Sozialdemokraten den Hagelschlag bei den Kommunalwahlen vom letzten Herbst (nur in zwei Kommunen hielten sie die absolute Mehrheit) noch kaum verwunden hatten und sich für den Stimmenkampf um den Landtag zu sammeln begannen, prophezeite der „rote Professor“ und Vizevorsitzende kühn: „Uns geht es wie einem 10000-Meter-Läufer, der schon 8000 Meter hinter sich gebracht hat. Jetzt müssen wir auf den letzten 2000 Metern noch die 100 Meter aufholen, die wir zurückliegen, und dann haben wir gewonnen.“

Das war schon damals eine falsche Prognose, angesichts der atemlosen SPD-Läufer, die, außer bei der Bundestagswahl, immer weit hinter ihren CDU-Konkurrenten ins Ziel gingen. Sie ist knapp vor dem Zieleinlauf am nächsten Wochenende erst recht falsch. Schaffen Oertzens abgeschlagene Sprinter ein achtbares Resultat – also wie vergangenen September wenigstens um die 36 Prozent –, dann müssen, dann können sie schon zufrieden sein.

Mit dem SPD-Spitzenmann Karl Ravens und der Antriebsparole „Die Bonner kommen“, war der Vorsprung der vorwärtsstürmenden CDU niemals aufzuholen. Zuletzt hat selbst Peter von Oertzen Ernst Albrecht bescheinigen müssen, er sei ein „guter Ministerpräsident“. Nun verabschiedet sich Oertzen von der Landespolitik: Er strebt kein Abgeordneten-Mandat mehr an, und nächstes Jahr will er auch als Bezirksvorsitzender für Hannover zurücktreten. Am Ende hatte er nur noch schwarzen Humor übrig: „Was uns noch helfen könnte, wäre, wenn herauskäme, Albrecht hätte eine Geliebte.“ Und selbst wenn ...

Ja, stünde an der Leine Helmut Schmidt zur Wahl – dann hätte der familientreue, grundsatztreue Ernst Albrecht womöglich doch das Nachsehen. So aber, ohne eine ansehnliche, vorzeigbare Mannschaft (zuletzt blieb von den auswärts Angefragten nur noch Günter Gaus übrig), mit den Bonner Koalitionskrächen um das Beschäftigungsprogramm und um die Loyalität der FDP, mit den Spätfolgen des „Sommertheaters 81“ und den Vorausahnungen über den Sparstreit beim bevorstehenden „Frühlingstheater 82“, vor allem aber mit der Bonzenwirtschaft bei der Neuen Heimat – so wird Karl Ravens kaum einen Blumentopf gewinnen. Wie tief seine Skepsis über das Abschneiden seiner Partei am nächsten Sonntag in ihm sitzt, beweist allein schon seine öffentliche Spekulation, notfalls mit Beistand der Grünen ein Minderheitenkabinett anzuführen, während zur gleichen Zeit in Bonn hörbar Zufriedenheit über eine CDU/FDP-Koalition geäußert wurde, die das Beschäftigungsprogramm mit der leidigen Mehrwertsteuererhöhung zwar mühsam, aber dann vielleicht doch durch den Bundesrat brächte.