Von Hans Krieger

Der kommende Literat war schon Tilmann Mosers „Lehrjahren auf der Couch“ anzumerken – das war mehr als ein gewöhnlicher Erfahrungsbericht aus einer Therapie. Moser sprach nicht nur von seiner Sprachverliebtheit, seiner Worterotik – im analytischen Prozeß sowohl Symptom wie Hemmnis –: Der Bericht lebte aus ihr. Nun liegt vor: das erste genuin„belletristische“, von der eigenen Person sich ablösende Buch von –

Tilmann Moser: „Stufen der Nähe – Ein Lehrstück für Liebende“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1981; 141 S., 17,80 DM.

Es ist die Geschichte einer Liebe, eine Geschichte von Hoffnungen und Illusionen, von Enttäuschungen und Verletzungen, erzählt im duettierenden Wechselgesang der Monologe; nicht an den Partner gerichtet, legen sie Inneres bloß, auch Unbewußtes, ein fein verästeltes Geflecht von Wünschen, Erwartungen, Träumen, Projektionen, Zuschreibungen. Paul und Lydia sortieren ihre Wahrnehmungen, sondieren ihre Gefühle, jeder für sich, ohne Dialog. Die Linien verschränken sich, laufen aneinander vorbei, verhaken sich.

Zwei junge Menschen, beide beladen mit den Ansprüchen ihrer Familien-Vorgeschichte, tasten nach ihrer Identität, erträumen von der liebenden Verschmelzung die heilmachende Ganzheit. Individualitäten durchdringen einander: beseligende Entgrenzung, bald auch verletzender Übergriff. Traumbild und Wirklichkeit treten mählich auseinander, Inkongruenz der Erwartungen wird sichtbar, Enttäuschung nährt Haß, Abwehrbedürfnis, den Drang zu demütigen, zu beherrschen, selbst physisch zu verwunden. In der unabweisbar gewordenen Trennung erfahren die Partner sich in Ihrer Eigenständigkeit als abgegrenzte Individuen – Basis zu neuer Annäherung auf reiferer Stufe:

„Es ist, als zeigten sich unter dem Frühjahrsschnee die Spitzen von Krokusblüten. Man scharrt den Schnee nicht weg, er wird schon von alleine tauen.“

Moser ergründet die Aufschwünge und Zusammenbrüche einer Beziehung aus der analytisch geschulten Introspektion undfaßt die Funde in erlesene, erhellende Bilder: „Wir flattern umeinander herum wie lose Teile eines großen, vielflügeligen Vogels, der hin und wieder seine Schwingen einzieht und sie schützend um sich herum zusammenlegt, wenn wir uns eng umschlungen halten.“