Erst gab es monatelang gar keine Londoner Times. Dann, ein Jahr nach der Rettung des britischen Traditionsblattes durch den australischen Zeitungsmillionär Rupert Murdoch, gab es wochenlang Schließungsgerüchte – wegen des hohen Defizits (70 Millionen Mark dieses Jahr) und der Widerspenstigkeit der Gewerkschaften. Und jetzt ist Knall auf Fall der vielgerühmte Times-Chefredakteur Harry Evans (Editor of the Year, 1981) entlassen worden – vom Eigentümer eines zu wenig kämpferischen Mittelkurses geziehen, gleichzeitig von der Redaktionsmehrheit ob seiner Blattmacher-Umtriebigkeit scheel angesehen. Die im Times-Statut eingebauten Sicherungen halfen nicht; das Sechser-Direktorium, das allein über Entlassung und Bestallung von Chefredakteuren zu entscheiden hätte, wurde überfahren.

Der Fall birgt mancherlei Lehren. Lehre Nr. 1: Auch hervorragend gemachte, renommierte und traditionsreiche Blätter können untergehen; der Zeitungsmarkt ist hart. Lehre Nr. 2: Verleger und Redaktionen sind gleichermaßen Wesen von höchster Erregbarkeit; das ist schon so, wo es nur um Geld oder nur um Meinung geht, aber erst recht gilt es, wenn Geld und Meinung zugleich auf dem Spiele stehen. Lehre Nr. 3: Statute sind nur begrenzt ein Ersatz für Rückgrat.

Den vernünftigsten Kommentar zu der neuen Affäre im Londoner Zeitungsviertel schrieb das Schwesterblatt der Times die Sunday Times. Er hat Gültigkeit auch anderswo: „Wenn die Fleet Street überleben soll, braucht sie starke Verleger, starke Chefredakteure – und starke Nerven.“

Th.S.