Polen bleibt im Schwebezustand, weil so viele Kräfte und Gewichte gegeneinander wirken

Von Marion Gräfin Dönhoff

Warschau, im März

Waren Sie seit dem Krieg schon einmal in Warschau?“ fragte mich ein alter polnischer Bekannter, den ich zufällig in der Halle vom Hotel Europeiski traf. Ich sah ihn ganz erstaunt an: „Aber wir haben doch im vorigen Jahr hier in diesem Hotel zusammen zu Mittag gegessen?“

„Nein, ich meine natürlich seit dem 13. Dezember.“

„Ach so...“ Ich begriff und habe mich inzwischen daran gewöhnt, „vor dem Krieg“ heißt vor der Erklärung des Kriegszustands. Im Krieg ist heute, und wann man „nach dem Krieg“ sagen wird, das weiß kein Mensch. Man weiß nur, daß die amerikanischen Sanktionen diesen Zustand ganz gewiß nicht herbeizaubern werden, sondern geeignet sind, ihn um ein beträchtliches hinauszuzögern. „Wir waren noch nie so abhängig von Moskau, das heißt, noch nie so einseitig auf die Sowjetunion angewiesen wie seit den amerikanischen Sanktionen“, meinte ein erfahrener, alter Journalist.

Gleich nach Ankunft in Warschau besuchte ich einen befreundeten früheren Abgeordneten, um erst einmal etwas über das Schicksal gemeinsamer Freunde und Bekannte zu erfahren. Sein Bericht: „Stefan Kisielewski war gerade in Paris und ist dort geblieben. Stanislaw K. ist offenbar untergetaucht. Mazowiecki (Chef der Solidaritäts-Zeitung) ist interniert; Bartoszewski (Sekretär des Schriftstellerverbandes) auch. Beide sind im Prominentenlager nicht weit vom ehemaligen Köslin.“