Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im März

Wären die innerdeutschen Beziehungen so gut wie die Besucherdiplomatie lebhaft, dann stünde alles zum besten. Mit SED-Chef Honecker sprachen in jüngster Zeit der Vorsitzende des Deutschen Industrie- und Handelstages, Otto Wolff von Amerongen, Bonns Ständiger Vertreter Klaus Bölling, der saarländische SPD-Vorsitzende Lafontaine und der Neunkirchener Bürgermeister Neuber. Zur Leipziger Messe reisten außerdem Graf Lambsdorff, Walther Leisler Kiep, Birgit Breuel, Elmar Pieroth, Hans Koschnick und Klaus von Dohnanyi. Zwölf bayerische SPD-Abgeordnete trafen sich mit Mitgliedern der DDR-Volkskammer. Und schließlich war der Vorsitzende der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Egon Krenz, kürzlich in Bonn.

Auch atmosphärisch verläuft alles recht locker. Gäste und Gastgeber beschwören den Geist vom Werbellinsee, den es „konstruktiv“ weiterzuentwickeln gelte. Honecker erklärt, in seinem Gespräch mit Lafontaine, er wolle „das in seinen Möglichkeiten Stehende“ tun, um die Gespräche mit dem Bundeskanzler fortzusetzen. Und bei der Leipziger Messe sagt er auf eine Bemerkung Böllings zur politischen Großwetterlage, es könne abends Sonnenschein sein und am anderen Tage regnen: „Wir sollten uns davon nicht beirren lassen.“ Das heißt, auch ein gespanntes Ost-West-Verhältnis soll die innerdeutschen Beziehungen nicht trüben. Zum Mindestumtausch fällt dem SED-Generalsekretär ein, daß Ägypten 150 Dollar je Tag verlange (was nicht stimmt), doch so weit wolle die DDR nicht gehen.

Das ist freilich ein geringer Trost. Denn zurück will die DDR offenbar auch nicht. Es gibt überhaupt keine Anzeichen dafür, daß sie die drastische Erhöhung des Zwangsumtauschs, nach der die Zahl der Besuche von Westdeutschen und West-Berlinern auf die Hälfte gesunken ist, auch nur teilweise rückgängig machen könnte. Die vielen Sondierungsgespräche in Leipzig haben da keine Hoffnungen wecken können. Solange sich aber in dieser Frage nichts bewegt, wird es in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten kaum Fortschritte geben. Der „politische Gesamtzusammenhang“ müsse gesehen werden, erklärte Wirtschaftsminister Lambsdorff. Bundeskanzler Schmidt hat sich kürzlich in einem Interview schon deutlicher ausgedrückt: „Nein, die Beziehungen zu Ost-Berlin sind nicht gut, sie sind nicht einmal vernünftig“, sagte er zu Le Monde. Im Vier-Augen-Gespräch mit Eingeweihten klingt es noch deutlicher: „Im ganzen ist es eine düstere Perspektive, solange beim Zwangsumtausch nichts geht.“

Der Geist vom Werbellinsee ist also kaum faßbar. Das Treffen von Honecker und Schmidt hat vor allem bewirkt, daß beide Männer sich besser kennenlernten und in fundamentalen Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen einige gemeinsame Interessen feststellten. Für Honecker hat es außerdem einen Zuwachs an internationaler Reputation gebracht und die Zusicherung des Bundeskanzlers, daß jedenfalls von Bonn eine Verschärfung des innerdeutschen Verhältnisses nicht ausgehen werde. Das macht den Generalsekretär sicherer und die Deutschlandpolitik für beide Seiten kalkulierbarer. Aber Versicherungen, Zusicherungen, Verpflichtungen im Detail hat es damals nicht gegeben. Alles wurde der weiteren Entwicklung, neuen Kontakten und Verhandlungen überlassen. Seitdem ist so gut wie nichts vorangekommen. Signale der DDR-Führung blieben aus.

Nur die ungebetenen Unterhändler, die Politik auf eigene Faust machten, kamen mit positiveren Eindrücken zurück; aber das zeigt nur ihre mangelnde Sehschärfe. Wer wie Lafontaine Hoffnungen auf die von der FDJ angebotenen Jugendreisen setzt, der ahnt nicht, daß die DDR nur 150prozentige Funktionäre reisen lassen wird, und daß westdeutsche Besucher mit normalen DDR-Jugendlichen so wenig zusammentreffen werden wie Helmut Schmidt mit den Einwohnern von Güstrow. Und wer, wie die bayerischen SPD-Abgeordneten, meint, Volkskammerabgeordnete hätten „am liebsten gleich ihre Koffer gepackt“, um einen Gegenbesuch zu machen, der weiß nicht, welche Selbstverleugnung denen abverlangt wird, die in der DDR in die neue Klasse aufgenommen werden.