Was passiert, wenn Ergebnisse technisch-analytischer Labor-Tests in ihrer Bedeutung falsch eingeschätzt werden

Von Gerhard Prause

Drei Überschriften in dem firmeneigenen Bayer-Blatt direkt – Zeitung für Nachbarn* wecken Neugier. Ganz groß steht da auf der Seite „Wissenschaft und Forschung“: „Der Stoff der Geheimnisse“; daneben, weiß auf schwarz und kleiner: „Analysen bei Bayer lassen nun kaum noch Zweifel offen“. Und dann vierzeilig, dick grün unterstrichen das Wichtigste: „Im Labor bestätigt: Heilige 3 Könige ruhen im Kölner Dom“. In dem ganzseitigen Artikel selbst wird dieses eigentlich sensationelle Ergebnis im letzten Satz allerdings mit einem Hauch von Fragezeichen versehen: „Domkustos Dr. Walter Schulten möchte die Frage nach der historischen Echtheit der Reliquien nach den Ergebnissen aus den Labors der Bayer AG mit einem vorsichtigen Ja’ beantworten.“ Doch im Kern bleibt die Aussage bestehen, daß es mit Hilfe moderner naturwissenschaftlicher Methoden gelungen ist, die Echtheit der berühmten Kölner Reliquien so gut wie bewiesen zu haben.

Diese Aussage des Bayer-direkt-Artikels aber ist falsch. Dabei hält sich der Artikel eng an die entsprechenden wissenschaftlichen Darstellungen, die fast gleichzeitig erschienen, nämlich in Bayer-Berichte (Heft 47/1982). Zwar vereinfacht der direkt-Artikel, übertreibt sogar, aber Vereinfachen, auch Übertreiben sind erlaubte, manchmal notwendige journalistische Stilmittel. Und nicht durch sie kam es zu mehreren falschen Aussagen, vielmehr waren die Fehler schon in den wissenschaftlichen Darstellungen vorgegeben, obgleich die Labor-Untersuchungen selber durchaus korrekt waren. Und hier liegt das Problem: Richtige Ergebnisse – dies sei zweifelsfrei unterstellt – korrekter naturwissenschaftlichen Methoden führten auf Grund irriger Voraussetzungen zu voreiligen Schlüssen und zu einem falschen Endergebnis. Da dies in unserem naturwissenschaftsfreudigen Zeitalter kaum ein Einzelfall, vielmehr ein Paradebeispiel dafür sein dürfte, wie Ergebnissen von Labor-Untersuchungen von vornherein erdrückende Beweiskräfte zugestanden werden, in nahezu allen Bereichen unseres Lebens, soll dieser Fall um Kölns Heilige Drei Könige hier dargestellt werden.

Die Heiligen Drei Könige – so heißt es im Matthäus-Evangelium, wo sie allerdings Magier genannt werden – kamen als erste nach Bethlehem, wohin ein Stern sie aus dem Morgenland geführt hatte, um dem neugeborenen Jesuskind zu huldigen und ihm Geschenke zu bringen, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Um sie, beziehungsweise ihre Gebeine, die im Jahre 1164 von dem Kölner Erzbischof und Kanzler Kaiser Barbarossas, Rainald von Dassel, als Kriegsbeute von Mailand nach Köln geholt wurden und dort in dem weltberühmten Königsschrein liegen, ging es bei diesen Untersuchungen zunächst nur am Rande. Zunächst ging es um eine Anfrage aus der Gemeinde Ribeauville im Elsaß an das Kölner Diözesan-Museum. In Ribeauville, dem einstigen Rappoltsweiler, hatte der Kapuzinerpater Paul Linck Anfang 1978 in der Sakristei der Kirche kleine Stoffteilchen – das größte 2 mal 1,2 Zentimeter – gefunden, die als Dreikönigsreliquien bezeichnet waren.

Gehalten durch Haut und Sehnen

Pater Linck hielt es für möglich, daß dies wirklich Teile von den Dreikönigsreliquien sein könnten oder vielmehr von dem Stoff, in den die Gebeine gehüllt waren, als sie von Mailand nach Köln gebracht wurden, vielleicht über Ribeauville, wo Rainald die Stoffteilchen als Geschenk hinterlassen haben könnte. Deswegen schickte er das größte Teilchen zur Prüfung nach Lyon, ins „Centre International d’Etude des Textiles Anciens“.