Von Wolfgang Hoffmann

Der Jülicher Atomphysiker Wolf Häfele, seit über zwanzig Jahren mit dem Prototyp einer neuen Kerntechnologie auf das innigste verbunden, wurde beinah zu einer tragikomischen Figur. Auf der 15. Sitzung der Enquetekommission „Zukünftige Kernenergiepolitik“ schlug Häfele sich überraschend auf die Seite der Opposition und brachte damit sein liebstes Kind, den Atommeiler vom Typ „Schneller Brüter“, in Gefahr. Kommentar eines Sitzungsteilnehmers über Häfele: „Der Vater des Brüters ist auch sein Mörder.“

Vier lange Tage nach jener Sitzung sah in der Tat alles so aus, als müsse der seit Jahren heftig umstrittene Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein endgültig abgeschrieben werden. Häfeles Hinwendung zur Opposition stellte die Arbeit der Enquetekommission in Frage, damit aber auch den Weiterbau des Brüters. Denn ohne eine Empfehlung dieser Kommission kann der Bundestag schwerlich entscheiden, ob der Atomreaktor je in Betrieb gehen soll. Just diese Entscheidung muß aber rasch fallen, sollen die Arbeiten auf dem Bauplatz nicht eingestellt werden.

Der Schnelle Brüter gehört zu einer neuen Generation von Atomreaktoren. Über seine wirtschaftlichen Vorzüge ist man sich weitgehend einig. Wenn der Reaktor so funktioniert, wie die Physiker es errechnet haben, dann nutzt er das spaltbare Material Uran sechzigmal besser als ein herkömmlicher Reaktor aus. Das bedeutet: Die nur begrenzt vorhandenen Uranreserven auf der Welt wären fast unbegrenzt nutzbar, um die Menschheit mit elektrischer Energie zu versorgen.

Uneinig ist man sich dagegen über die Risiken dieses Reaktortyps. Neben vielen Wenns und Abers der neuen Technologie steht seit längerem eine Frage ganz obenan: Wie sicher ist der Brüter überhaupt?

Weil die von den Wissenschaftlern gegebenen Antworten bisher nicht befriedigt haben, beschloß der Bundestag 1978 gegen die Stimmen der Opposition ein vorläufiges Veto gegen die spätere Inbetriebnahme des Brüters, dessen Fertigstellung nach siebenjähriger Verspätung für 1986 geplant ist. Ein parlamentarisches Ja soll erst nach gründlichen Vorarbeiten und nur auf Grund einer Empfehlung jener Enquetekommission gegeben werden, die sich und das Parlament über die künftige Energiepolitik und den Brutreaktor sachkundig machen soll.

Die Kommission arbeitete zunächst bis zum Sommer 1980, dem Ende der Arbeit des achten Deutschen Bundestags. Sie gab ein Votum für einen bedingten Ausbau der Kernenergie ab. Details über den Brüter konnten indes aus Zeitgründen nicht beraten werden. Die Kommission empfahl vielmehr, weitere Risikostudien anfertigen zu lassen. Der damals zuständige Forschungsminister Volker Hauff, Finanzier des Reaktors, zögerte die Auftragsvergabe für diese Studien aber hinaus.