Von Uta Berg-Ganschow

Es ist ein geschlossenes System, das der französischen Dramatikerin, Roman- und Filmautorin Marguerite Duras. Entweder man ist „im Geheimnis“ oder nicht. Kein davor, dazwischen oder darüber. Was immer man über die Literatur oder die Filme der Duras sagen mag, es beginnt und endet mit dieser Polarisierung: Haß oder Liebe.

In ihrem letzten Film „L’Homme Atiantique“ (Der Mann vom Atlantik) ist eine poetische Tendenz zu ihrem vorläufigen Ende gekommen, die nach „Le Camion“ begann und sich nach den Kurzfilmen „Cesaree“, „Les Mains Negatives“, „Aurelia Steiner – Melbourne“, „Aurelia Steiner – Vancouver“ und „Agatha ou Les Lectures Illimitees“ zunehmend verstärkte: die Tendenz zum Hermetismus und zur absurden Reduktion; damit verbunden die Tendenz zu einer deutlich geteilten Rezeption.

Um sicher zu gehen, daß sich keiner in die bloße Diskussion, die Zone zwischen Zustimmung und Ablehnung verirre, schickte die Autorin der Aufführung ihres letzten Films eine „Warnung“ an Unberufene voraus:

„Mir schien, daß, wenn ich die öffentliche Vorführung eines solchen Films akzeptiere, und sei es auch nur in einem einzigen Kino, ich verpflichtet sei, die Leute über den Charakter des Films in Kenntnis zu setzen, den einen zu raten, „L’Homme Atiantique“ völlig zu meiden oder ihn sogar zu fliehen, und den anderen, ihn unbedingt zu sehen, ihn unter gar keinen Umständen zu versäumen, denn das Leben ist kurz und schnell wie ein Blitz, und er wird vielleicht nur zwei Wochen lang gezeigt. Gleichzeitig weise ich die einen wie die anderen darauf hin, daß der Film zum größten Teil aus Schwarzfilm besteht.“

Wer sich von solcher Warnung anziehen ließ, wird sich von der Drohung nicht schrecken lassen: „Wenn es in meiner Macht stünde, würde ich die Türen des Kinos schließen, sobald die Zuschauer im Saal sind.“ Und wird begreifen, daß es um nichts weniger als eine Paradoxie geht: ein Medium neu zu definieren, das bisher eher unter Stichworten wie beliebig „wiederholbare Vorführung einer Konserve“, „industriell hergestellte Ware“, gehandelt wird. Die Filmvorführung als einmaliges, einzigartiges Ereignis fasziniert im Falle der Duras offenbar gerade diejenigen, die für gewöhnlich im „Supermarktkino“ lümmeln, gehen, wenn sie genug haben. Die Feindorientierung der Duras am Kino der Massen ist überdeutlich: geldmächtig sei es, milliardenschwer und – was dasselbe heißen soll – verlogen.

Angenommen also, wir sind tatsächlich drinnen, im Dunkel, im wortwörtlichen abgeschlossenen Kommunikationsraum, im extra für diese Aufführung von der Autorin ausgewählten Kino. Weiter angenommen, wir verfügen über eine leidliche. Konstitution und sind belastbar („Meine Meinung ist, daß man, um einen Film von Marguerite ertragen zu können, in sie verliebt sein muß“, so Kameramann Bruno Nytten); dann hören wir die Stimme. Unablässig die suggestive, fast monotone Stimme der Duras. Ein Selbstgespräch, zugleich Ansprache an die stumme Figur dieses Films – und an den Zuschauer. „Sie werden nicht in die Kamera sehen. Außer man wird es von ihnen verlangen. Sie werden vergessen. Sie werden vergessen. Daß Sie es sind, das werden Sie vergessen. Ich glaube, es ist möglich, das zu schaffen (...) Vergessen Sie. Entfernen Sie sich von diesem Detail, dem Kino. Der Film wird so bleiben. Fertig. Sie sind gleichzeitig verborgen und anwesend. Anwesend nur durch den Film, jenseits dieses Films, und verborgen vor allem Wissen über Sie, allem Wissen, das man über Sie haben könnte.“