Nicht alle Schweizer können ungetrübt ihr alpines,, Jahrhundertwerk“, den St.-Gotthard-Stra-Bentunnel, genießen. Anderthalb Jahre nach Eröffnung der längsten unterirdischen Verkehrsverbindung sind Veränderungen zu spüren, die nicht nur Freude auslösen.

Bereits im ersten Reise-Sommer sorgte der Tunnel in den Verkehrsspitzenzeiten (Ostern, Pfingsten und Wochenenden) für kilometerlange Staus. Vor der Nordeinfahrt engen sich die drei Auffahrtspuren in eine einzige, über 16 Kilometer lange Tunnelspur ein. Kurz danach muß sich der Automobilstrom auf einer schmalen, kurvenreichen Kantonalstraße durch die Dörfer der Tessiner Landschaft Leventina bis nach Bellinzona quälen. Diese 50 Kilometer sollen bis 1988 als Autobahn fertiggestellt sein.

Trotzdem, an Wochentagen und -nächten ist der Weg durchs Gotthard-Massiv in kürzester Zeit zu bewältigen: Die Fahrt von Göschenen nach Airolo dauert knapp fünfzehn Minuten.

Während einer Exkursion ins Gotthard-Gebiet befaßte sich jüngst das Forschungsinstitut für Fremdenverkehr der Universität Bern unter der Leitung von Professor Jost Krippendorf mit den Problemen, die sich durch die schnellere Alpenpassage für die Kantone Uri und Tessin ergeben.

Das Fremdenverkehrsgewerbe entlang der alten Paßstraße und in den Ursener Tälern zeigt sich zufrieden. Der erwartete Touristen-Exodus blieb bislang aus. Die Hotels vermissen zwar jene Gäste, die wegen Ermüdung eine Rast auf dem Weg gen Süden suchten. Aber sie beherbergen nun jene Urlauber, die den Gotthard als erholsamen Zwischenstopp oder als Endziel aufsuchen. Das Werben um solche Gäste ist jetzt – angesichts der fast leeren Straße und der deutlich gestiegenen Lebensqualität in den Dörfern – wesentlich erleichtert worden.

Investieren, nicht resignieren heißt mancherorts die Devise. Andermatt, das im vergangenen Jahr eine hervorragende Saison hatte, will zum Beispiel seine touristische Infrastruktur mit einem 40-Millionen-Projekt aufwerten, wodurch etwa 100 neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Vielleicht eine Hoffnung für jene, die durch den Bau des Gotthard-Tunnels ihre Arbeit im Fremdenverkehrsgewerbe verloren haben (deren Zahl noch nicht ermittelt wurde). Aber noch streiten sich die Experten, ob diese Investition für Andermatt nicht eine Nummer zu groß ist.

Von der neuen Verkehrsader und ihrer Raststätte profitiert auch das Ursener Gewerbe, das dem Restaurationsbetrieb als Zulieferer dient. Dabei übertrifft nicht nur der Umsatz der Autobahn-Raststätte die prognostizierten Erwartungen – auch die Abfälle der durchreisenden Gäste.