Venedig, überflutet von Touristen wie nie zuvor, ist immer noch eine Stadt der Genüsse

Von Stefania Canaii und Barbara Leimig

Venedig wird seit Jahrhunderten immer wieder der Untergang prophezeit. Doch die Lagunenstadt hält sich über Wasser. Die echten Venezianer sind mit einem ganz anderen Problem beschäftigt: Sie fühlen sich in der 90 000 Einwohner zählenden Stadt allmählich in der Minderheit gegenüber Zugereisten und Ausländern – von den unzähligen sommerlichen Tagestouristen ganz zu schweigen.

So ziehen sich die alteingesessenen Venezianer mehr und mehr in ihre Paläste zurück und leben, als sei die Zeit stehengeblieben. Eine Gesellschaft mit Numerus clausus für Fremde, eine Gesellschaft, die fast ausschließlich aus Adligen zu bestehen scheint. Es gibt Komtessen und Baronessen wie Sand am Lido. Richtige Achtung genießt der Mensch in der Lagunenstadt erst von der Marchesa oder dem Marchese an aufwärts.

Dennoch sind Klassenhaß und Standesprobleme fast unbekannt. Durch eine geschichtliche Entwicklung, die der Stadt seit dem 11. Jahrhundert ausreichend Demokratie-Übung beschert hat, durch autofreie Straßen, in denen sich Bäckersfrau und Hochadel täglich begegnen und begrüßen – durch solche Kontakte auf wahrlich gleicher Ebene, vielleicht auch ein wenig durch den Inselcharakter ihrer Heimat, ist der Zusammenhalt der Venezianer über alle sozialen Unterschiede hinweg stark ausgeprägt. Im Unterschied zu den übrigen italienischen Städten sind die Wohnviertel in Venedig nicht nach „arm“ oder „reich“ geschieden. Neben dem Palazzo wohnt der Schuhmacher oder der Gondoliere.

Es gibt nur eine deutlich höher gestellte Kaste: Venedigs Bürger vergöttern ihre Katzen. Das Volk der domestizierten Kleinraubtiere ist vermutlich dem der Menschen zahlenmäßig weit überlegen. Die Katzen sind die wirklichen Herren der Stadt. Für ihren nächtlichen Gesang gibt es keine Polizeistunde. Und immer wieder findet sich eine alte Dame, die ihren schnurrenden Liebling noch ein wenig exzentrischer verwöhnt, als die nicht minder katzennärrische Nachbarin es vermag. Gespräche vor den Supermarktregalen für Babynahrung geben von dieser Tierliebe eine schwache Ahnung: „Meine speist am liebsten Leber mit frischem Gemüse.“ „Wissen Sie, meine bevorzugt magere Milch mit einem Schuß frischer Sahne.“

Was aber nicht heißen soll, daß in Venedig nicht auch die zweibeinige Spezies auf das Vorzüglichste verpflegt werden könnte. Für Naschkatzen hat die Stadt eine kaum zu beziffernde Menge trefflicher Restaurants, seien es schlichte, einfach eingerichtete und preiswerte „Trattorie“, seien es deftige, originelle „Osterie“. Die Gattung der Osteria ist allerdings – mit Trauer muß es vermerkt werden – am Aussterben. Fs ist kein Menschenalter her, da gab es noch mehr als 400 Osterie entlang der Kanäle. Aber die meisten mußten Schnellimbißbuden und Pizzastuben weichen.