Ein volles Haus hatte diesmal die Siemens AG bei ihrer Hauptversammlung. Die herbe öffentliche Kritik, die in den letzten Monaten an der Geschäftspolitik des deutschen Elektromultis geübt worden war, hatte auch viele kleine Aktionäre wachgerüttelt.

Ihre Kritik war härter, fordernder und konkreter als in früheren Jahren. Sie warfen dem Vorstand – gewiß überspitzt – vor, die hehren Grundsätze, die Siemens großgemacht haben, bedeuteten den heutigen Managern nichts mehr. Sie klagten darüber, daß auch bei Siemens die moralischen Wertvorstellungen im Schwinden begriffen seien. Für Mammutveranstaltungen brauchen Vorstände eine dicke Haut.

Unter die Haut ging dem seit gut einem Jahr amtierenden Vorstandsvorsitzenden Karlheinz Kaske allerdings die Opposition des Arbeitskreises Ingenieure und Naturwissenschaftler, dessen Sprecher in spitzer, geschliffener Diktion den Siemens-Oberen ein langes Sündenregister betrieblicher Fehler und Versäumnisse vorhielt. Dabei fiel das böse Wort von der „inneren Kündigung“: Manche Mitarbeiter, deren Mitdenken und Loyalität nicht gefragt seien, hätten sich innerlich schon abgekoppelt. Von außen läßt sich schwer beurteilen, was daran wahr und was überzogen ist. Kaske aber kann es. Er wollte die Klage ernst nehmen und damit beginnen, wirkliche Mißstände abzustellen.