Kassel

Emstal-Merxhausen, in idyllischer Lage im Habichtswald vor Kassel gelegen, ist eines der großen psychiatrischen Landeskrankenhäuser der Bundesrepublik, mit über 600 Betten ein riesiger Komplex, der über ein ganzes Tal reicht. Das Renommee der Klinik ist nicht nur einhellig gut. Ehemalige Patienten und früheres Personal prangern die konventionellen Behandlungsmethoden an, aber auf der anderen Seite werden einzelne Therapeuten und manchmal sogar die ganze Psychiatrie als fortschrittlich und hilfreich gerühmt.

Seit Weihnachten vergangenen Jahres ist Merxhausen in den Schlagzeilen. Etwas Unübliches ist geschehen. Elvira J., eine langjährige Patientin und auch gegenwärtig in Merxhausen in Behandlung, hat eine Strafanzeige gegen eine seit langem in der Klinik praktizierende Ärztin gestellt, ferner gegen ihren Amtspfleger und einen Gynäkologen. Die Kasseler Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Körperverletzung.

Elvira J. war vor über sechs Jahren, im Alter von nur 19 Jahre auf ein Gutachten jener Ärztin hin sterilisiert worden. Zu diesem Eingriff will sie keine bewußte Einwilligung gegeben haben.

Ein psychiatrischer "Kunstfehler"? Oder der querulantische Versuch einer Patientin, gegen ihre Misere in der Klinik oder gegen nicht wieder Gutzumachendes anzurennen? Hinter dem Nebel der ärztlichen Schweigepflicht und eines schwebenden Verfahrens tut sich ein höchst diffiziler Fall auf, der ungeachtet eines (wohl nicht sehr bald zu erwartenden) Richterspruchs von großer rechtspolitischer und ethischer Tragweite ist.

1956 wird Elvira J. im Südhessischen geboren. Ihr Leidensweg durch die Heime beginnt auf Grund eines Beschlusses ihrer Eltern schon im Alter von einem halben Jahr.

Als 16jährige legt sie ein Feuer in einem Mädchenwohnheim, aus Protest, weil ihr der Ausgang verweigert wurde. Das bringt sie erstmals in die Psychiatrie.