Von Klaus Viedebantt

Als „überdimensioniertes Kaff“ charakterisiert ein neuer Reiseführer Colombo, die Hauptstadt von Sri Lanka. Unrecht wird der Stadt damit nicht getan, denn an architektonischen oder kulturellen Attraktionen ist sie ebenso arm wie die Vergnügungsstätten, die auf Augen, Gaumen oder sonstige Sinne wirken. Colombo hat zwar nicht die brutalen Wucherungen indischer Städte, es ist aber de facto bereits eine Millionenstadt, auch wenn die offiziellen Ziffern noch deutlich unter dieser Marke bleiben. Aber wer zählt schon gern Obdachlose.

Der Drang in die Hauptstadt hat zwei Gründe: Weite Teile jenes Landes, das mythologisch oft mit dem Garten Eden gleichgesetzt wird, sind vertrocknet, weil die einst großartigen Bewässerungssysteme verfallen sind. Die Landbevölkerung zieht in die Stadt, weil sie ihren Boden nicht mehr ertragreich bebauen kann und weil sie in der Stadt eher Arbeit zu finden hofft. Diese Hoffnung richtet sich vornehmlich auf eine Freihandelszone, die von der Regierung Jayewardene im Norden der Stadt eingerichtet wurde und Investoren hohe Steuervorteile verheißt. Über den Erfolg dieses Vorhabens kann man jetzt noch nicht urteilen, unbestreitbar ist, daß dieser Plan eine neue Aufbruchstimmung in die von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelte Stadt getragen hat.

In solchen Situationen werden gern Freibriefe für Städteplaner ausgestellt, die dann, je nach Zeitgeist, „autogerechte“, „fußläufige“ oder sonst irgendwie getrimmte Innenstädte entwerfen. All solchen Planungen ist gemeinsam, daß die Flut der Menschen und ihrer Vehikel kanalisiert werden soll. Für die wuseligen Megalopolis-Landschaften des Fernen Ostens gilt allerdings das Axiom, ihnen sei mit städteplanerischen Mitteln nicht mehr beizukommen, weil der Bevölkerungszuwachs ohnehin alle Planungsvorhaben mühelos überrunde. Die klinische Bauwut, mit der Singapur seine Straßen und Quartiere betonsaniert, gilt als eine die Regel bestätigende Ausnahme. Singapur sei eben ein Stadtstaat mit entsprechenden Mitteln, heißt es. Als ob Hongkong das nicht auch ist.

Colombo hat es leichter mit dem Bevölkerungszuwachs als die meisten asiatischen Städte. Das ist vornehmlich der konsequenten Bildungspolitik der einstigen Regierung Bandaranaike zu danken. Sie hat den Analphabetismus auf der Insel nahezu ausgerottet, damit zwar eine Vielzahl überqualifizierter Arbeitsloser geschaffen, aber auch eine Grundlage für eine gezügelte Bevölkerungszunahme gelegt: Die besser gebildeten Bürger verstehen die Regierungsappelle und setzen nicht mehr um jeden Preis Kinder in die Welt.

Colombo schwillt dennoch an wie ein Kürbis in der Reifezeit. Deshalb hat die Regierung einen Beschluß gefällt, der ihr selbst angenehm und der Stadt nützlich ist: Die Hauptstadt wird verlegt.

Colombo bleibt natürlich, was es ist: die größte Stadt des Staates und sein Wirtschaftszentrum. Aber die Regierung wandert aus, vorerst nur mit dem Parlamentsgebäude; später sollen aber auch die Ministerien Schritt für Schritt folgen. Rund 14 Kilometer außerhalb der Stadt, in der Gemeinde Kotte, ragt bereits der Parlamentsneubau aus einer noch sehr aufgewühlt wirkenden Landschaft heraus, plaziert auf einer künstlich vergrößerten Insel in einem See, der dem (für ein Parlamentsgebäude) überzeugend schlichten Gebäude viel Würde und viel architektonische Leichtigkeit gibt. Er gibt ihm zugleich viel Sicherheit, denn auf die Insel führt nur eine Zufahrtsstraße, die rückwärtige Brücke für die Lieferanten kann nachts hochgezogen werden.