Golden glänzend in der frischen Restaurierung, erhaben und elegant zugleich, monumental und spielerisch tänzelnd: so stehen sie nun da, die vier Rosse, inmitten preußischer Herbheit. Die Isolierung aus dem architektonischen Zusammenhang erlaubt es und zwingt dazu, genau hinzusehen. Die exakte Durchgestaltung der Körper fällt auf, eine Mischung aus Idealisierung und Naturalismus. Das zerstörerische Gemisch aus salzhaltiger, feuchter Luft und industriellen Abgasen machte es notwendig, die Kunstwerke gründlich zu sichern. Dazu holte man das Viergespann von seinem Platz über dem Hauptportal von San Marco in Venedig, und jeweils ein Pferd ging auf Reisen: New York, London, Paris und Mexiko. Nach der Premiere in Mailand ist die Gruppe nun vollständig in Berlin zu sehen – Absprachen zwischen den Staatsoberhäuptern und reichlich fließendes Geld von Olivetti machten das Ereignis möglich. Weil die Korrosion unter den gegebenen Umweltbedingungen zwar aufgehalten, aber nicht beseitigt werden kann, müssen die Pferde am alten Platz durch Kopien ersetzt werden. Das ist nicht das Ende, aber ein bemerkenswerter Wendepunkt einer vermutlich 1700jährigen Geschichte und einer fast acht Jahrhunderte zurückreichenden Präsenz in Venedig.

1204 ist das früheste gesicherte Datum der Pferde-Historie. Die Venezianer waren führend an den Kreuzzügen beteiligt; die spektakuläre Eroberung der als uneinnehmbar geltenden Stadt Konstantinopel sicherte das venezianische Einflußgebiet bis weit in den östlichen Raum hinein. Beweis für den großen Sieg und die Übernahme der Romanitas, der Idee vom fortlebenden Rom durch die Serenissima, waren die unermeßlichen Kunstschätze Konstantinopels, zu denen die Pferde zählten. Zu beiden Seiten des großen Fenster-Halbrunds wurden sie an der Front von Venedigs Hauptkirche auf kleinen Podesten paarweise angeordnet. Entgegen der üblichen Aufstellung, in der die beiden seitlichen Pferde nach außen blicken, neigen sich hier deren Köpfe einander zu: Monumentalität wird durch intime „Zuneigung“ gebrochen.

„Schon hatte der Doge in Begleitung einer unermeßlich großen Zahl von Vornehmen seinen Platz an der Stirnseite der Kirche über der Eingangshalle eingenommen, um von der marmornen Tribüne aus alles zu Füßen Liegende zu überschauen. Dies ist die Stelle, wo die berühmten vier ehernen, vergoldeten Rosse stehen, die Werke eines herrlichen Künstlers des Altertums – gleichviel, wer es auch gewesen sein mag – und die von der Höhe herab geradezu wie Lebende schnauben und mit den Füßen stampfen.“ So beschreibt Petrarca 1364 Funktion und Wirkung der Pferde im venezianischen Triumph.

Viel mehr als dieser frühe Künder der Renaissance, der bereits den künstlerischen Wert der Rosse zu schätzen wußte, wissen wir heute auch nicht: ob der „herrliche Künstler des Altertums“ mit Lysipp identisch ist, dem Bildhauer Alexanders, ob die Pferde jene literarisch überlieferte Quadriga auf dem Triumphbogen Neros bildeten, ob sie – am wahrscheinlichsten – dem zweiten oder dritten nachchristlichen Jahrhundert entstammen. Selbst die Hypothese, die Quadriga habe in Konstantinopel auf hohem Porphyrsockel das Hippodrom geschmückt, bleibt Hypothese.

Eines waren und blieben die Pferde durch die Jahrhunderte: politisches Symbol. Wie die Quadriga vom Berliner Brandenburger Tor, im Gropiusbau in weiten Teilen nach frühen Abgüssen rekonstruiert, wurden sie vom siegreichen Napoleon geraubt und nach dessen Niederlage triumphal zurückgeführt.

Zu viel Pathos hatte offensichtlich der Ausstellungsarchitekt Alan Irvine im Sinn, als er die Gruppe vor einen monumentalen Pylonen-Hintergrund und auf ein Podest aus hellgeflammtem Holz von Wohnzimmerqualität setzte. Vor so viel domestizierter Erhabenheit gerät selbst antike Größe in Nippes-Nähe. Doch abgesehen von solchem Mißgriff kann das Ambiente kaum passender sein. Die Weite des Lichthofs evoziert die Öffentlichkeit südlicher Plätze; sparsam wurden weitere Beispiele antiker Pferdeskulpturen und Reiterbildnisse hinzugefügt: den Wissenschaftlern soll’s beim Forschen helfen. In den Räumen um den Lichthof wird mit Kunstwerken aus wichtigen ausländischen, vor allem aber Berliner Sammlungen eine kurzweilige und aufschlußreiche Kulturgeschichte des Pferdes im vorklassischen Griechenland bis in das späte 18. Jahrhundert gegeben – und von der Kultur des Menschen, der sich in Mythos, Religion, Machtausübung und Spiel immer wieder mit den Vierbeinern zusammentat. (Martin-Gropius-Bau, bis 25. April; Katalog 25 Mark, Sonderheft zur Berliner Quadriga 8 Mark).

Ernst Busche