/ Von Harry Pross

Vor mehr als drei Jahrzehnten, 1946, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, erzählte Alfred Weber uns lädierten Heimkehrern in seinem Colloquium, die Soziologie liege „quer zu allen Wissenschaften“. Das gefiel uns, weil Querliegen bis 1945 verboten war. Sogar im Massengrab sollte alles in Reih und Glied sich wiederfinden. Querliegen war eine Botschaft für Soziologiestudenten; daß es erlaubt war, ein Beweis des Überlebens.

Offenbar hat die Botschaft vielen Späteren auch gefallen. Vielleicht auch Alexander Ruestows Definition: Er nannte, kaum aus der Emigration in der Türkei zurück, den Soziologen den „Arzt der Gesellschaft“. Das hörten die Professoren anderer Fächer nicht so gern und machten es den Soziologen und anschließend den Politologen schwer. Ein politisches Moment mag mitgespielt haben. Das halbe Dutzend Soziologieprofessoren, dem wir den Neubeginn verdanken, hatte politisch reine Westen. Sie hatten sich quergelegt. Das konnte man von den nach Artikel 131 wiedereingestellten Dozenten, die bald darauf begannen, die Fakultäten zu bestimmen, nicht immer sagen.

Sei’s drum. Von querliegender Soziologie ist nicht mehr die Rede. Vielmehr gibt es kaum ein Fach, das nicht soziologische Fragestellungen aufgenommen hätte. Das Verfassungsgericht verlangt, daß die Wissenschaftler die gesellschaftlichen Folgen ihrer Forschung bedenken sollen. Schulkinder repetieren Soziologismen. Gesellschaftswissenschaft als Gesellschaftsspiel?

Das Fach hat sich durch Verarbeitung empirischer Methoden aus Amerika inzwischen kommerziell „verwertbar“ gemacht. Die Studentenbewegung von 1968 ging in vielen ihrer führenden Köpfe aus Soziologieseminaren hervor (wie dem von Lieber an der Freien Universität Berlin). Die Frankfurter Schule wurde zu einem weltweiten Exportartikel. Die Verbreiterung insgesamt führte zur Differenzierung von Fragestellungen und Methoden, die einen Überblick kaum noch erlauben. Sie sind in die Umgangssprache schwer zu übersetzen.

Das gilt auch für –