Da bieten sich negative Argumente gleich trügerisch an. Was da alles fehlt! Die Ausstellung heißt zwar „Von Michelangelo bis Gericault“. Aber es irrt, wer glaubt, daß alle europäischen Kunstepochen und Stile von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert doch wenigstens mit charakteristischen, wenn auch noch so vereinzelten Beispielen vertreten sein müßten. Von deutscher Zeichenkunst nur zwei Blätter, ein „Toter Christus“, eine anonyme niederrheinische Silberstiftzeichnung aus dem 15. Jahrhundert, und eine Zeichnung von Dürer, den sächsischen Kurfürst Friedrich den Weisen darstellend, aus den Jahren 1523/1524. Doch noch schlimmer, fast schon ärgerlich: aus der gesamten spanischen Kunstgeschichte nur eine einzige Zeichnung, von Murillo, kein Blatt von Goya, keins von El Greco, keins von Velasquez.

Aber, zunächst: Die 168 Blätter sind nicht von den deutschen Ausstellern ausgewählt, sie sind Teil jener 525 Handzeichnungen, die sich im Besitz der Pariser Ecole Nationale des Beaux-Arts befinden. Die Sammlung wurde im 19. Jahrhundert vom dem Architekten und Kunstsammler Alfred Armand (1805 bis 1888) geschaffen, von seinem Neffen Prosper Valton bis 1907 weiter ausgebaut. Außerhalb Frankreichs wird die Kollektion erst zum zweitenmal gezeigt.

Frankreich ist in Hamburg mit über 80 Zeichnungen natürlich am besten vertreten, angefangen von Jean Mignon (arbeitete, heißt es in einem Kommentar, von 1535-1555), Nicolas Poussin (1594-1665), Claude Lourrain (1600-1682). Da finden wir zum Beispiel Arbeiten von François Boucher und seiner Werkstatt, Jean-Baptiste Greuze, Jean-Auguste Dominique Ingres, Antoine Watteau, Theodore Gericault. Aber keinen Fragonard.

Was ist eigentlich, stellt sich wieder die Frage, eine Zeichnung? Eine konstante Größe? Ein Stift, Blei, Kreide, Kohle, Rötel oder Feder oder Pinsel, einfarbig bleibend, fährt über eine einfarbige Unterlage, zumeist Papier, hinweg und bildet Formen, deren Gesamtheit man Zeichnung nennt? Die Ausstellung, bei der es auf Vollständigkeit nicht ankommt, zeigt Arbeiten, die von solch einem Schema frappierend abweichen. Da finden wir aus der Werkstatt von François Boucher, des auffälligsten freisinnigen Erotikers unter den französischen Malern des 18. Jahrhunderts, ein Blatt, das dieser Begriffsbestimmung „uni auf uni“ nicht entfernt entspricht. Da sieht man: Silberstift, Rötel, farbige Kreiden (schwarze Kreide inklusive, weiße Höhungen inklusive) auf braunem Papier: eine Sinfonie von Farbimpulsen. Eine Zeichnung? Dem Pastellbild viel näher, Kreidebild könnte man es eher nennen. Bildcharakter hat zum Beispiel gleichfalls der Blumenstrauß von Jan van Huysum von 1737: „Braune Kreide, Aquarell und Deckfarbe“ steht in einem deutschen Verzeichnis, im französischen Katalog statt „Deckfarbe“ vielleicht präziser: „Gouache“.

Andere Zwischenstufen zwischen Zeichnung und Bild sind unter den Exponaten zum Beispiel: „Feder und Pinsel in Grau, Spuren von brauner Lavierung“ („Ceres“ von Bezzi); „Schwarze Kreide und Kreidehöhungen auf blauem Papier“ („Daphnis“ von Prud’hon, um 1793); „Feder in Braun, Pinsel in Braun und Graublau“ („Reitermarsch“ von Jacques Courtois); dann Kombinationen mit Aquarell, noch nicht das, was man unter Mischtechnik versteht, die heute nicht selten nur Verlegenheitstechnik ist.

Wir halten fest: Die Zeichnung, wie sie zum Beispiel in der Ecole des Beaux-Arts (Direktor: Jean Musy) verstanden wird, zeichnet sich schon durch ein hohes Maß an Ungezwungenheit, Liberalität, Eigenart, Eigensinn und Grenzüberschreitungen aus. Sie ist dem Schöpferwillen des Künstlers ein unmittelbar willfähriges Element. Die Zeichnung kann selbst da, wo sie, des eigenen Wertes bewußt, sich nicht in Mischtechniken einläßt, mit sehr verschiedenen Intentionen aufgeladen sein. Sie kann provisorischen, vorbereitenden Charakter haben, auf ein Späteres hin formuliert sein, kann Ideenskizze sein oder der erste, nicht provisorische, sondern dokumentarische Niederschlag eines kontinuierlichen schöpferischen Prozesses. Kann Skizze und Studie sein für Architektur, Plastik, Gemälde. Oder: Zeichnung an Stelle von Bild, „als“ Bild: kein Ersatz. Die Zeichnung ist extrem frei, liberal und somit, neben dem Aquarell, auch die unbeschwert-heiterste Kunst. Die Zeichnung ist nicht so stark wie andere künstlerische Disziplinen an Begriffe, Regeln, Kategorien, Stile gebunden. Der Zeichner tanzt viel eher aus der Reihe.

Ein wunderschönes Beispiel in der von Emmanuelle Bourgerolles wissenschaftlich betreuten Sammlung der Ecole. Zwei Zeichnungen zeigen eine überraschende strukturelle Verwandtschaft, obwohl sie ganz verschiedenen Zeiten und Schulen gehören: „Aktfiguren in verschiedenen Stellungen“ (um 1481/82) stammt von Leonardo da Vinci, „Hagar und der Engel“ (um 1640-1650) von Rembrandt. Mehr als anderthalb Jahrhunderte liegen zwischen beiden Zeichnungen, und doch Verwandtschaft: der nervös-temperamentvolle Duktus, die Unbekümmertheit um die Wirkung des einzelnen Strichs (der Strich ist immer „unterwegs“); der Strich, uneitel, strebt fort, auf die visionär erwartete künftige Gesamtformulierung der Zeichnung hin. Ganz anders als zum Beispiel der etwas eitle (zugegeben: auch schöne) Strich bei Ingres’ „Nacktem Jüngling mit ausgestrecktem Arm“.

In der Ausstellung wundervolle Einzel stücke, vom männlichen Akt des homo philen Michelangelo über (etwa) Tizian „Abrahams Opfer“, Berninis Porträt eine Rhetorik-Professors, den Porträts von Leoni bis (etwa) zu der „Heiligen Fami lie“ von Montelacci. Eine Veranstaltung die wieder beispielhaft zeigt, daß man auch mit bescheidenem materiellem Auf wand exzellente Leistungen hervorbringe kann (Kunsthalle bis 3. Mai, Katalog 3 Mark). René Drommert