Tja, Bernhard, bis zur Pause, da haste viel gedribbelt. Nach der Pause hast du die Tore geschossen.

Mündliche Theaterkritik von Sepp Herberger über Bernhard Minetti, nach einer Vorstellung Von Molières „Menschenfeind“ (überliefert in Bernhard Minettis Beitrag „Fußball und Theater“ zu der Anthologie „Kopf-Ball“ von Paul Breitner und Bernd Schroeder, erschienen im Ullstein Verlag).

Theater ums Geld: Bochum

Von der einen Seite klingt es hochdramatisch: eine der besten Bühnen des Landes, das Schauspiel Bochum, wird zur „Provinzbühne“ degradiert. Von der anderen Seite tönt es beschwichtigend: auch in Bochum fehlt das Geld, da muß eben auch das Theater sparen. Für die Theaterleute sind die drohenden Kürzungen des Etats von insgesamt etwa 1,4 Millionen ein bürokratischer Gewaltakt und ein Racheakt dazu; als vor einigen Wochen in Bochum eine auch vom Schauspielhaus benutzte Fabrikhalle abgerissen wurde, hatten die Theaterleute um Claus Peymann dagegen in ihrer bekannt unmanierlichen (unverlogenen, witzig-aggressiven) Art protestiert. Die Kürzungen im Etat wirken deshalb wie eine prompte Strafmaßnahme beleidigter SPD-Bürokraten. Auf der anderen Seite können die Stadtväter darauf verweisen, daß der Etat des Schauspielhauses in diesem Jahr sogar um 1,7 Prozent höher sein wird als 1981; während es bei fast allen anderen städtischen Institutionen keinerlei Zuwachsrate mehr gebe. Außerdem sei es der SPD-Mehrheit gelungen, eine viel weitergehende Attacke der lokalen CDU, die dem Theater gleich zwei Millionen wegnehmen wollte, abzuwehren. Was ist die Wahrheit? Tatsache ist, daß das Bochumer Schauspiel nach den Kürzungen nicht mehr dasselbe sein wird wie heute – auch wenn es nicht gleich in die Provinz absteigen wird. Tatsache ist auch, daß die Toleranz der Stadtpolitiker dem Theater gegenüber (für die gerade Bochum einmal bekannt war) zum Erschrecken abgenommen hat. Viel hat Bochum seinen Bürgern nicht zu bieten: eine triste Innenstadt, eine langsam verrostende, verrottende Großplastik von Richard Serra, von Narrenhänden (Bürgerhänden) beschmiert, einen mittelmäßigen, unattraktiven Bundesligaklub, viel schlechte Luft. Das Theater war immer das Beste an Bochum – und bisher war man in Bochum darauf auch stolz. Wie lange wird es noch dauern, bis die Stadt wie jede andere auch ein Theater wie jedes andere haben wird?

Theater ums Geld: Bruchsal

Um Millionen geht es hier nicht – nur um ein paar tausend Mark. Nicht um den Absturz in die Provinz, sondern ums Überleben in der Provinz. Bei ihrem Versuch, die dramatische Literatur auch in den Dörfern und Gemeinden der weiteren Umgebung bekannt zu machen, stößt die engagierte Badische Landesbühne Bruchsal auf immer deutlicheren Widerstand – und anders als in den Großstädten, wo man dezidiert bestreitet, die Sparmaßnahmen seien auch als Zensurmaßnahmen gemeint, sind auf dem Lande die Kampfesbräuche deftig, die Tiefschläge leicht erkennbar. Die „Römerstadt Osterburken“, einer jener zahlreichen Orte, in denen die Landesbühne gastiert, möchte das reisende Theater aus der Gemeinde verbannen. Grund: das horrende Defizit von angeblich 3600 Mark im Jahr und vor allem die ärgerlichen, anstößigen Aufführungen des Theaters. Auf die Kultur, meint der Bürgermeister Brümmer, müßten seine Osterburkener auch in Zukunft keineswegs verzichten: schließlich gebe es ein reges Vereinsleben im Ort, und auch über attraktive Gastspiele (mit Helga Feddersen oder den Oberkrainern) habe man schon verhandelt. Auch aus anderen Gemeinden schallt es der Landesbühne, die zur Zeit mit Wedekinds „Frühlings Erwachen“ über Land fährt, feindselig entgegen. „Wir erwarten, daß Sie auf das Schamgefühl ahnungsloser Theaterbesucher Rücksicht nehmen“, schreibt der Bürgermeister von Eppingen. Und der Kollege aus Bretten: „In Bretten wird sich die Landesbühne durch solche Aufführungen keine Freunde schaffen.“ „Ich kann mich nicht länger der Überzeugung verschließen, daß es endlich an der Zeit wäre, irgendwo ein Fenster zu öffnen.“ Das schrieb kein Bürgermeister, das schrieb Frank Wedekind in „Frührings Erwachen“, 1891.

Theater in der Oper: Hamburg