Die Naturwissenschaft, so hieß es vor zwei Wochen an dieser Stelle, sei ein "für jede sachlich begründete Kritik offenes geistiges Gebäude". Das Lob für das System schließt natürlich nicht aus, daß sogar reputierliche wissenschaftliche Gesellschaften mitunter der Verlockung erliegen, kritische Gedanken abzuwürgen.

Im vorliegenden Fall geht es freilich nicht um Kritik an Fakten und Formeln, sondern um die Verantwortung der Wissenschaftler für ihre Arbeiten und Aussagen. Wenn sich die Mitglieder der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) am Mittwoch nächster Woche zur Jahresversammlung in Münster treffen, dann müssen sie über einen Antrag befinden, das Verbandsorgan Physikalische Blätter "wieder zu einer unabhängigen Zeitschrift im Sinne der für die Bundesrepublik Deutschland geltenden Pressefreiheit zu machen". Im Klartext: In den Physikalischen Blättern fand und findet Zensur statt.

Die Zeitschrift, inzwischen im 38. Jahrgang, ist seit einem Jahrzehnt auch Verbandsblatt der DPG. Sie wurde bis Ende letzten Jahres von dem Diplomphysiker Karl Kromphardt redigiert. Das Ende des nicht fest angestellten Redakteurs bahnte sich an, als dem schon durch siebzehn Kuratoren beratenen Einzelkämpfer Anfang 1979 auch noch Tier DPG-Mitglieder – darunter der neugewählte DPG-Präsident Professor Horst Rollnik – als Herausgeber übergeordnet wurden. Seit dieser Zeit ist die Zeitschrift, wie es in dem Münsteraner Antrag heißt, "durch die massive Einmischung des DPG-Vorstandes in die Arbeit und in die Verantwortlichkeiten der Herausgeber und des Redakteurs praktisch auf die Meinungen und Ansichten des DPG-Vorstandes oder einiger seiner Mitglieder festgelegt".

Als "herausragendes Beispiel für diese Entwicklung" zitieren die Antragsteller "die Vorgänge um den Aufsatz von Albrecht Unsöld ‚Albert Einstein – Ein Jahr danach‘". Der emeritierte Kieler Professor, einer der großen alten Männer der Astrophysik, hatte in den Physikalischen Blättern vom November 1980 "mit einem Gefühl der Enttäuschung" auf die Feiern zum 100. Geburtstag Einsteins zurückgeblickt: Kaum einer seiner Kollegen hatte es gewagt, "daran zu erinnern, daß Einsteins Name auch wesentlich mit der Atombombe verknüpft ist". Bei aller "ungeteilten Bewunderung" für den genialen Physiker erschien es Unsöld "nicht angebracht, ihn als ‚singuläres Wundertier‘ zu betrachten". Er berief sich unter anderem auf Einsteins Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt vom 2. August 1939, der als Startsignal für die Konstruktion der Atombombe gilt. Unsöld: "Muß ein Physiker mit der Intelligenz Einsteins nicht ohne Zweifel überblickt haben, was sich dann 1945 in Hiroshima und Nagasaki tatsächlich abspielte?"

Kromphardt hatte den kritischen Artikel, ins Blatt gerückt, nachdem er (nach halbjähriger Bearbeitung) von einem der Herausgeber freigegeben und mit dem Hinweis "Zur Diskussion gestellt" markiert worden war. Dennoch sah sich Rollnik im März 1981 veranlaßt, in seinem Verbandsorgan zu verkünden, Unsölds Beitrag hätte "in dieser Form nicht publiziert werden sollen", da er eine "Herabsetzung von Einsteins Persönlichkeit" darstelle und "indiskutable (weil falsche) Aussagen" enthalte – ohne dies zu belegen.

Wenig später erhielt Redakteur Kromphardt seine Kündigung. Unsölds Antwort auf die Vorwürfe aber wurden erst drei Monate später und nach Androhung gerichtlicher Schritte veröffentlicht – eingebettet in längere Anti-Unsöld-Kommentare. Andere Autoren kamen in der Sache bis heute nicht zu Wort. Mit einer Ausnahme: In der Februar-Ausgabe des Blattes wirft der Wissenschaftshistoriker Professor Armin Herrmann dem Kritiker Unsöld abermals Fehlurteile und ungenügendes Recherchieren vor. Herrmann belegt seine Vorwürfe freilich trotz eines sechs Seiten langen Artikels nicht schlüssig genug, um die massiven Eingriffe des DPG-Präsidenten Rollnik im nachhinein zu rechtfertigen. Auf Unsölds Anliegen – die Verantwortung des Wissenschaftlers – geht Herrmann erst gar nicht ein.

Rollnik, dem "selbstherrlicher und undemokratischer Stil" vorgeworfen wird, sieht "der Aktion für Münster gelassen entgegen". Seine Präsidentschaft läuft ohnehin aus. Günter Haaf