Gut sieht der Brief aus, makellos getippt, wie es sich für eine Einladung gehört. Eingeladen wird zur Subskription eines Lexikons. Gewinnend ist die charmante Höflichkeit: „Sehr geehrte Frau Mühlzwiebel“, nun gut, das schreibt jeder, aber wer geht dann noch mitten im Text so zuvorkommend auf den Adressaten ein: „...möchten wir gerade Ihnen, sehr verehrte Frau Mühlzwiebel, den Wunsch erfüllen...“ Unterschrieben hat der Herr Verleger persönlich, mit Tinte.

Just die Tinte sollte Frau Mühlzwiebel skeptisch machen. Hatte sie nicht gelesen, daß selbst ein so tadelloser Gentleman wie Walther Leisler Kiep seine Briefe ( mit Tinte) von einem Apparat unterschreiben läßt?

Keine Hand hat den formvollendeten Brief an Frau Mühlzwiebel getippt, kein Mensch hat ihn unterzeichnet. Ein Computer hat das besorgt. Gefüttert wurde er mit einem lückenhaften Standardbrief – „Sehr geehrte XX“ und „gerade Ihnen, sehr verehrte XX ...“ Dazu wurden Tabellen zum Füllen der Lücken eingespeist: „r Herr Abenlatz“, „s Fräulein Ackermann“ ... Eine Maschine war es auch, die den Brief gefaltet, in den Umschlag gesteckt, zugeklebt, addressiert und frankiert hat. Fortschrittliche Firmen lassen die Anschrift mit dem Handschrift-Imitator schreiben; dann sieht er so aus, als habe ihn ein Verwandter geschrieben.

Junk mail, „Abfallpost“, nennen Amerikaner solche Briefe, worin sich der ganze Ärger über unnötige Briefkasten-Verstopfung ausdrückt. Gleichwohl lohnt sie sich. Genug Leute fallen auf den Dreh herein und möchten den hohen Herrn, der sie mit artiger Aufmerksamkeit beehrt hat, nicht enttäuschen. So füllen sich Wohnstuben mit schlechten, teuren Lexika.

Noch hält sich solcher Betrug bei uns in Grenzen. Aber Computer werden immer billiger, also wird es immer mehr Leute geben, die uns damit übers Ohr hauen möchten.

Pars pro toto: Ein Brief aus Feldkirch-Tisis in Österreich. Er ist getippt, doch überall, wo noch Platz war, handschriftlich ergänzt worden, oberhalb des Briefkopfes, an den Rändern, zwischen Absätzen, am Schluß. Das sieht nach privater Mitteilung aus.

Der Absender will uns Glück bescheren, Haupttreffer im Zahlenlotto. „Woche für Woche, mehrere Gewinne in allen Rängen“. Hah, höre ich jetzt sagen, das kennt man doch; wenn er wirklich einen sicheren Tip hätte, würde er ihn für sich ausnutzen, statt sein Geheimnis mühsam zu verkaufen.