Udo Rabschs phantastisch-realistischer Roman „Hauptmann von Stuttgart“

Von Gerhard Stadelmaier

An diesem Geräusch“, und man muß vorausschicken: einem völlig beliebigen Geräusch, „an diesem Geräusch, ohne daß sich seine Besonderheit beschreiben ließe, würde ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit mit geschlossenen Augen erkannt haben, daß er sich in der Reichshauptstadt und Residenzstadt Wien befinde.“ Zwar sind’s immerhin Robert Musils Augen, die sich da bei gespitzt-nervösen Ohrnerven schließen, aber es könnte ein Ton in Wien sein, den jeder Nichtsehende hörte. Man traut es Wien schon zu. Oder der Geruch – mit „einem feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins“ – der in Butter wild bruzzelnden Hammelnieren, welcher durch Dublins Eccles Street zieht, obwohl es sich um Joyces Nase handelt: Er ist „da“. Oder Mamas seidenraschelnde Kleiderstoffe im abgedunkelten Kinderschlafzimmer in Combrav ... So glaubt man jedem Ort auf der Welt, daß da ein Geheimes sei, ein typisches, noch so kurioses Detail, ein wundervolles Teil, in dem das „Ganze“ einem in die Sinne komme, in die Sinne freilich der eigenschaftslosen Flaneure und Dulder, der wachen kombinatorischen Gehirne, die aus Nieren- und Stoffen und Tönen nicht nur eine Stadt erschaffen (eine Stadt, die’s wirklich gibt), sondern aus solcher Stadt einen Sinn: Sie wird zu Literatur.

Aber Stuttgart? Wonach riecht, schmeckt, tönt Stuttgart?

Liest man das Buch von –

Udo Rabsch: „Der Hauptmann von Stuttgart – Ein Roman über Liebe, Gewalt und Tod“; Konkursbuchverlag, Tübingen, 1982; 397 S., 22,– DM,

dann müßte, sollte, könnte Stuttgart (und Tübingen ein klein wenig mit) in Tod und Verwesung und den Ausdünstungen einer von Krebsgeschwüren zernagten Lunge (linker Flügel) sein städtischsinnenhaftes Geheimnis haben. Denn: Diesmal sterben die Blätter früh ab und drehen einen halben Kreis, vor dem Versorgungsamt, Teckstr. Wer hat sie so auf den Bürgersteig und sie so vor unsre gehenden Füße gestreut.“