Von Henryk Broder und Josef Joffe

Die Routine-Verlautbarung der sonntäglichen Kabinetts-Runde in Jerusalem brachte diesmal Außergewöhnliches. Anläßlich des internationalen Afghanistan-Tages erklärte sich die israelische Ministerrunde mit dem Volk von Afghanistan solidarisch, das „der sowjetischen Invasion trotzt, der Unterdrückung Widerstand leistet und für seine Freiheit kämpft“.

Derweil die israelische Regierung ihre Gedanken am vorletzten Sonntag bis nach Kabul schweifen ließ, rollten die gepanzerten Truppentransporte der israelischen Armee von allen Seiten in das besetzte Westjordanland. Während die Minister „Unabhängigkeit“ und „Bürgerrechte“ für das Volk am fernen Hindukusch predigten, mußten Elite-Einheiten der eigenen Armee den Widerstand der Westbank-Bevölkerung brechen, der sich im Laufe der vorigen Woche zu einem regelrechten Aufstand ausweitete.

In Ramallah und Jerusalem, in Nablus und Jenin, in Hebron und Halhul, selbst in versteckten Dörfern brannten Barrikaden aus aufgeschichteten Autoreifen, flogen Molotow-Cocktails gegen israelische Patrouillen-Fahrzeuge. Die Soldaten schossen zunächst mit Tränengas in die Menge, schließlich mit scharfer Munition. Die Todesbilanz nach einer Woche des Aufruhrs: sieben arabische Jugendliche, ein Oberfeldwebel der israelischen Armee, der im Gaza-Streifen von einer Handgranate zerfetzt wurde.

Zum Wochenbeginn herrschte wieder brüchige Ruhe – dafür sorgten die Schützenpanzer, welche die wichtigsten Städte der Westbank abgeriegelt hatten, und die rotbemützten Fallschirmjäger, die sich – das Sturmgewehr im Anschlag – in den Häusereingängen duckten. Doch Kharim Chalaf, der Bürgermeister von Ramallah, prophezeit bereits, daß die Demonstrationen wieder aufflammen werden. „Wer sind denn die wirklichen Terroristen? Die Palästinenser oder die Israelis? Was ist aus dem demokratischen Israel geworden? Israel ist ein faschistischer Staat.“

Nicht ganz. Während die Jerusalemer Regierung Härte gelobte („Wir werden weder Gewalttaten noch Friedensbrüche tolerieren“), versammelten sich in Tel Aviv fast 20 000 israelische Bürger, um gegen Menachem Begins Repressalien-Politik zu protestieren: „Schluß mit der Besatzung!“ Die Demonstranten trugen Transparente mit der Aufschrift „Frieden, nicht Annexion“, und neben den Fahnen mit dem Davidstern flatterte sogar die (verbotene) Palästinenser-Flagge. Es war die größte Friedens-Kundgebung seit vielen Monaten.

Ausgelöst wurde der Massen-Aufruhr auf der Westbank ausgerechnet durch den neuen „zivilen“ Kurs der Begin-Regierung. Am 1. November vorigen Jahres zogen sich die Militärs aus der Verwaltung der besetzten Gebiete zurück. An ihre Stelle trat eine Zivil-Administration unter Leitung des Arabistik-Professors Menachim Milson (siehe Kasten), die sich als erstes auf eine scheinbar simple Kraftprobe mit den gewählten und zumeist PLOfreundlichen Bürgermeistern einließ.