Erst haben sie das Land mit der Seele gesucht, dann sind sie realiter in Griechenland eingezogen! Auf den Bildern der neueröffneten Neuen Pinakothek ist die Geschichte in allen ihren Phasen für die Nachwelt festgehalten: Der glückliche Augenblick, als König Otto, ein siebzehnjähriger Märchenprinz aus Bayern, an der Spitze seiner Landsleute in Nauplia Einzug hält und die Griechen ihm zujubeln. Sein Vater Ludwig I. hat ihn nach Griechenland geschickt, um sich seinen eigenen Jugendtraum zu erfüllen, und er hat ihm seinen besten Maler von Heß mitgegeben, der das festliche Ereignis in einem Monumentalgemälde verewigt, damit Ludwig in seiner Münchner Residenz es immer vor Augen habe. Das schöne Beispiel der Historienmalerei im 19. Jahrhundert ist zusammen mit vielen anderen künstlerischen Zeugnissen des bayerischen und europäischen Philhellenismus abgebildet in dem Buch von Wolf Seidl „Bayern in Griechenland“, das jetzt in einer zweiten erweiterten Auflage vorliegt (Prestel-Verlag, München; 387 S.; 38,– DM). Was den Autor an dem griechischen Abenteuer der Bayern interessiert, was er mit einer Fülle von zeitgenössischen Dokumenten herausarbeitet, ist der „Zusammenstoß zwischen Politik und Poesie, zwischen Utopie und Realität“, ist der Versuch, ein Bildungsideal in politisches Handeln umzusetzen. Hölderlin hat, aus.Liebe zu Hellas, seinen Hyperion geschrieben, Byron ist in den Kampf gezogen und in Griechenland umgekommen. Ludwig hat, erst als Kronprinz, dann als König den Freiheitskampf der Griechen gegen die türkische Fremdherrschaft mit Geld und Waffen unterstützt, womit er sich über das Prinzip der Legitimität und den erklärten Willen sämtlicher europäischer Fürsten hinwegsetzte, und er hat nach dem Sieg mit seinem Sohn Otto zehntausend Bayern nach Griechenland entsandt, die für den eben gegründeten Nationalstaat Entwicklungshilfe leisten sollten.

Sie haben Athen, das häßlichste Dorf der Welt, in eine moderne Großstadt verwandelt. Sie haben die Universität und eine Bierbrauerei gegründet. Vor allem: die Rekonstruktion der Akropolis geht auf das Konto der Bayern. Sie haben, alles in allem, so gut gearbeitet, daß die Griechen, als sie sich in einer ersten Revolution der Bayern entledigt hatten, sich auf die eigenen Füße stellen konnten. Aber auch für Bayern ist das griechische Abenteuer zwar kostspielig, doch entschieden positiv ausgegangen, wie Wolf Seidl im Kapitel „Griechenland in Bayern“ nachweist. Nach dem Motto „Ich werde nicht ruhen, bis München aussieht wie Athen“, hat Ludwig I. gehandelt, als er Leo von Klenze berief, der ihm „im reinsten antiken Geschmack“ die Glyptothek, die Alte Pinakothek, die Propyläen und zahlreiche andere Bauten errichtete. Hier, in der Architektur, hat Ludwigs philhellenistische Schwärmerei zu konkreten, zu dauerhaften Ergebnissen geführt. G. S.