Anzuzeigen sind drei Neuerscheinungen aus dem weiten Umfeld der auch bei uns kräftig in Gang gekommenen Beschäftigung mit der Geschichte der Kindheit, mit der Geschichte des Kinder- und Jugendbuches, des Spielzeugs, der Spielformen der Vergangenheit und der Schule –

Karl Hobrecker: „Alte vergessene Kinderbücher“, Nachdruck der Ausgabe von 1924, herausgegeben von Hubert Göbels; Verlag Harenberg Kommunikation, Dortmund; 215 S., 16,80 DM.

Wie macht der das bloß? fragt man sich – nun, nicht gerade bei jeder, aber doch – bei mancher Neuerscheinung in der Reihe „Die bibliophilen Taschenbücher ein sauberer Neudruck auf einem dem Alter des Originals entgegenkommenden, sympathisch angegilbten Papier, auf dem die vielen teils farbigen Abbildungen eine Patina der Stille und Ferne erhalten, dazu ein informatives biobibliographisches Nachwort des Kinderbuchsammlers und -historikers Hubert Göbels. Wer sich für die Geschichte des Kinderbuches als Leser, Sammler und Liebhaber interessiert, kann an diesem Buch nicht vorbei. Nur leider war es seit längerem im Antiquariat kaum mehr auffindbar, es sei denn zu irrationalen Preisen. Wissen möchte ich allerdings, ob der preistreiberischen Gier nach der Erstausgabe das Interesse an diesem Nachdruck entspricht, oder ob Hobreckers Buch zwar von den unzähligen betuchten Kinderbuch-, Puppen- und Spielzeugsammlern als Antiquität – als Erstausgabe –, nicht aber als durchzuarbeitender Text verlangt wird. Denn ich vermute seit langem, daß es heute mehr Sammler als Leser gibt, denen nicht am Text eines Buches – an seinem Inhalt –, sondern nurmehr an der Reliquie der seltenen Erstausgabe gelegen ist. „Liest man schon nicht diese Bücher, so kost man doch mit den Vorsatzpapieren.“ So oder ähnlich drückte der Bibliophile Felix Poppenberg einst sein ambivalentes Verhältnis zum graphischen Kunstwerk Buch aus, das sich mit zunehmendem Alter vom Gebrauchszum Kultgegenstand verwandelt.

Von solchen Überlegungen her kann ich nicht verhehlen, daß ich zu antiquarisch-bibliomanischen Blumenbeeten wie dem Band –

Hubert Göbels (Hrsg.): „Hundert alte Kinderbücher 1870-1945“; Verlag Harenberg Kommunikation, Dortmund; 136 S., 29,80 DM-

ein gespaltenes Verhältnis habe. Er ist erschienen in der Reihe bibliophiler Taschenbücher, schließt eine historische Trilogie ab und ist von Hubert Göbels zusammengestellt und kommentiert.

Einerseits erscheint mir gerade die Spiegelung dieses Zeitraums – von Vionville bis Stalingrad, von Marlitt bis Kästner, vom deutschen Heldenknaben 1870 vor Paris zum Hitlerjungen Quex – im Kinder- und Jugendbuch als außerordentlich lehrreich, zumal der Herausgeber aus dem Fundus seiner Sammlung tatsächlich eine nach allen Seiten Ausschau haltende Übersicht zustande gebracht hat. Er hat glücklicherweise nicht, wie es in der Reihe dieser „bibliophilen Taschenbücher“ leider allzuoft geschieht, mit einer Geschenkartikel- und Pralinenschachtelmentalität nostalgisch ausgewählt, nach „schönen“ Illustrationen und ans Herz gehenden Titelblättern, sondern vieles dem Sammlerauge zunächst unscheinbar, dürftig und kahl Anmutendes mit aufgenommen. Dadurch aber erhält die Sammlung ihre historische Dichte, da sie die subkutanen Einflußnahmen auf die Kinder durchs Buch aus fast allen denkbaren politisch-gesellschaftlichen Ansätzen deutlich macht. Da sind die Nationalen, die Völkischen und die Faschisten, die Reformer, die Demokraten und die Bildungsbürger, die lehrhaften Pädagogen und die Kindertümler: kurz alle, für die Stimmung oder Gesinnung, oft auch beides zusammen, die Pfeiler bilden für die Wertsetzungen der kommenden Generation. Andererseits frage ich mich, wie oben, inwieweit auch dieses Buch nicht nur durchblättert, sondern gelesen wird. Die Kommentare sind es wert. Sie setzen vieles voraus, Kenntnis der Geschichte der Literatur wie der illustrativen Kunst wie der Ideologien des Zeitraums, aber sie geben eine Fülle an Details, biographischen und bibliographischen, zu Autoren und Illustratoren, Verlegern und Buchserien. Dem Buch sind es durcharbeitende Leser zu wünschen, nicht sich daran hochziehende Sammler.