Von Manuela Reichart

Wie leicht wäre es, zu sagen, ich habe ein Messer genommen, mir die Seite aufgeschlitzt, mein Herz herausgeholt und es fortgeworfen; doch leider war es nicht so einfach. Nicht, daß ich es mir nicht oft gewünscht hätte, wie wohl jeder andere auch. Nein, es geschah ganz anders und nicht, wie ich es mir vorgestellt habe. Es passierte, nachdem ich gerade mit zwei verschiedenen Männern zu Mittag gegessen und Tee getrunken hatte. Mit dem Mann vom Mittagessen hatte ich (so ungefähr) vier Jahre und sieben Zwölftel zusammengelebt. Als er mich wegen neuer Jagdgründe verlassen hatte, verbrachte ich zwei Jahre (oder waren es drei) mehr tot als lebendig; und mein Herz war ein Stein, den ich unmöglich mit mir herumtragen konnte, wenn man bedenkt, wieviel sonst noch auf einem lastet. Dann befreite ich mich allmählich und mit großer Mühe, denn mein Herz hing mit tausend Fasern in meiner ersten Liebe ...“

So beginnt die mir liebste, schönste und zugleich traurigste Geschichte des umfangreichen zweiten Erzählungs-Bandes von –

Doris Lessing: „Die Frau auf dem Dach“, Erzählungen aus dem Englischen von Adelheid Dormagen; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 561 S., 48,– DM.

„Wie ich endlich mein Herz verlor“: der Titel der Erzählung klingt fröhlich und erinnert an optimistische Schlager übers Verliebtsein und die unbeschwerte Leidenschaft; aber man muß ihn ganz wörtlich und endgültig verstehen: es geht darum, wie eine ihr Herz verliert, absichtlich und geplant und ohne Entschädigung.

„Indem ich mit A zu Mittag aß und anschließend mit B Tee trank – mit zwei Männern, die zusammen ein Jahrzehnt meiner kostbaren Jahre verzehrt hatten (ich zähle dabei nicht die dazwischenliegenden Kostproben oder Versuchsaffären) und die, wie man gerechterweise sagen muß, alle Wonne und Lust (reichlich und heftig) mit Schmerz (o mein Gott) aufgewogen hatten –, bewegte ich mich im Laufe eines Nachmittags von einem zum andern, derweil mein Herz kaum merklich in Erinnerung zuckte, der Fisch der Erinnerung am Ende einer langen, schlaffen Angel ... Um es zusammenzufassen: Es war heilsam.“

Eine Frau ist es leid, den Schmerz zu ertragen, nur weil ohne ihn die Liebe nicht denkbar ist; sie will nicht länger mit der Möglichkeit rechnen, der eine, mit dem sie gerade zum Abendessen verabredet ist, der so aufmerksam auf einer Party ihren Worten gelauscht oder der sie im Café mit verstohlener Liebenswürdigkeit beobachtet hatte, der eine, neue, gerade kennengelernte Mann könnte sich möglicherweise nicht nur als flüchtige Affäre, sondern als richtige Liebe erweisen. Die Frau will nicht mehr, sie will keine Liebe, kein schweres Herz mehr, will niemanden noch einmal so vertrauen, daß das Verlassen-Werden ein Stück Tod bedeutet. Deswegen sagt sie ihre Verabredung mit dem Einen, der vielleicht etwas Ernsteres hätte werden können, ab, und da plötzlich, während sie über das immergleiche Spiel zwischen Frau und Mann nachdenkt, hat sie ihr Herz in der Hand.