Von Ulrich Schiller

Wenn mehr als die Hälfte des Wahlvolkes hofft, dem Lande möge die Wiederwahl des Präsidenten erspart bleiben, dann ist etwas faul im Staate, und zwar am Kopf. Die Umfrageergebnisse zur Amtsführung Ronald Reagans, die in diesen Tagen auf die Schreibtische flattern, sind weder konzertierte Aprilscherze noch Ausfluß eines schieren „Image-Problems“ des Präsidenten, wie manche seiner Berater den offenkundigen Vertrauensschwund gern sehen würden. „Ich kann mich keiner Zeit erinnern, da mehr nachdenkliche Männer und Frauen beider Parteien mehr um die Zukunft des Landes besorgt gewesen wären als heute“, schrieb David Broder in der Washington Post. Broder, der respektierte Analytiker amerikanischer Innenpolitik, hat schon höchst stürmische Zeiten seines Landes erlebt, und daß er seinen Ruf auf Übertreibungen gegründet hätte, wird ihm gewiß niemand nachsagen können.

Was der feinnervige Journalist aus zahlreichen Gesprächen im Kongreß herausfilterte, was Mitarbeiter des Präsidenten als bedrohliches „Image-Problem“ empfinden, das hat eine vom Nachrichten-Magazin Time veranlaßte Befragung durch das Meinungsforschungs-Institut Yankelovich, Skelly and White jetzt zu statistischen Größen verdichtet: 52 Prozent der Befragten hoffen, daß Ronald Reagan kein zweites Mal für die Präsidentschaft kandidieren werde. Diese Hoffnung ist besonders stark unter Facharbeitern und Gewerkschaftsmitgliedern verbreitet, speziell im Nordosten der USA und im mittleren Westen; aber selbst in den alten Hochburgen Reagans, im Süden und im Westen, hofft mehr als die Hälfte der Befragten, daß diese Präsidentschaft ein einmaliges Ereignis bleiben möge. Urplötzlich, so scheint es, ist der Mann, der vor vierzehn Monaten mit einem der eindrucksvollsten Wahlsiege in der Tasche sein Amt antrat und der im ersten Amtsjahr fast nichts als Lorbeer erntete, von quälenden Zweifeln der Nation umstellt.

Noch im Dezember vorigen Jahres erklärten solide 55 Prozent einer Time-Yankelovich-Befragung, Ronald Reagan sei eine Führerpersönlichkeit, der man vertrauen könne. Neuerdings vertrauen ihm noch 48 Prozent, während 51 Prozent ihre Zweifel hegen. Im Dezember erklärten nicht mehr als 43 Prozent Zweifel und Vorbehalte. Dieses Bild ist noch unscharf, zumal wenn man die übliche Irrtumsmarge nach unten oder oben in Betracht zieht; aber es wird deutlicher, sowie die Fragen konkreter werden. 61 Prozent halten es für ausgeschlossen, daß Reagan sein Wahlversprechen einlösen kann, die Steuern zu senken, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und dennoch bis 1986 einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorzulegen. Den Etat auszugleichen, halten nicht weniger als 67 Prozent für ein ganz wichtiges Ziel, und 53 Prozent der Befragten empfehlen sogar, diesem Ziel die nächste vom Kongreß schon verabschiedete Steuersenkung zu opfern. Weitere 10 Prozent plädieren darüber hinaus für eine neuerliche Steuererhöhung.

Parallel dazu fordert fast die Hälfte der Befragten Abstriche am Pentagon-Etat. Nahezu identische Ergebnisse hat kürzlich auch eine von CBS und der New York Times gemeinsam finanzierte Befragung zutage gefördert. Man sollte annehmen, die Konsequenz, mit der eine Mehrheit der Wähler aus Furcht vor anhaltender Rezession und Arbeitslosigkeit Reagan zur Umkehr in seiner Haushaltspolitik mahnt, würde im Amtszimmer des Präsidenten alle Alarmglocken anschlagen lassen. Doch weit gefehlt. Stur beharrt Reagan noch immer auf den Steuersenkungen und einem 18prozentigen Rüstungszuwachs, auch wenn das Haushaltsdefizit für 1983 inzwischen auf 130 Milliarden Dollar veranschlagt wird, die Zinsen in lähmender Höhe bleiben und führende Demokraten wie Republikaner im Kongreß die Wallstreet und die Verbündeten, ja dem Vernehmen nach selbst Kabinettsmitglieder, händeringend nach Kurswechsel schreien.

Vom Schwund ist auch die bislang breite Unterstützung für Reagans Außenpolitik befallen. Freilich sind 61 Prozent der von Time-Yankelovich Befragten durchaus überzeugt, daß die militärischen Ziele der Sowjetunion offensiver und nicht defensiver Natur seien. Aber 71 Prozent heben doch hervor, daß sie mehr für Abrüstungsverhandlungen als für eine Erweiterung des Kernwaffen-Arsenals sind. 70 Prozent befürworten ein Einfrieren der Rüstungsbestände in Ost und West im Sinne der „freeze-resolutions“, die jetzt landauf, landab kursieren. Zunehmende Angst vor einem Atomkrieg steht hinter diesen Zahlen, und wenn 56 Prozent der Befragten glauben, Reagan habe auf die atomare Aufrüstung größeres Gewicht gelegt als auf Rüstungskontrollverhandlungen, so schlägt sich darin die Ablehnung der Strategie eines „führbaren“ oder gar „gewinnbaren“ Atomkrieges, aber auch die Tatsache nieder, daß die Reagan-Administration bisher nicht deutlich genug Rüstungskontrollen als ebenbürtigen Faktor für die nationale Sicherheit neben die Stärke der Abschreckung gestellt hat. An diesem Mittwoch will der Präsident die „Freeze“-Bewegung, die wie ein Steppenbrand um sich greift, einzudämmen versuchen, indem er selbst Bedingungen und Voraussetzungen für einen Rüstungsstopp vorschlägt.

Auch die bis vor kurzem so forschen Töne zur Bewältigung zentralamerikanischer Krisen haben die Wähler verschreckt. 74 Prozent befürchten, Einmischungen in El Salvador könnten die USA in ein zweites Vietnam stürzen. Das war allerdings vor den Wahlen in El Salvador und noch ehe die flexiblere Diplomatie zusammen mit Mexiko und anderen zentralamerikanischen Staaten zu erkennen war.