Von Heinz-Günter Kemmer

Ruhrkohle-Chef Karlheinz Bund ist ein umtriebiger Mann. Er ist für sein Unternehmen viel „auf Achse“ – man trifft ihn in Sydney und Johannesburg, in New York und im Kanadischen Calgary. Und immer ist er auf der Suche nach neuen Betätigungen für sein Unternehmen. Sieht man sich jedoch den Krankenstand der Ruhrkohle AG im Vergleich zu dem anderer deutscher Bergbauunternehmen an, dann drängt sich die Frage auf, ob er seinen Aktionsradius nicht besser auf das Ruhrgebiet begrenzen sollte.

Seit vielen Jahren weist die Statistik für das Ruhrgebiet, dessen Zechen fast ausnahmslos der Ruhrkohle gehören, einen erheblich höheren Krankenstand aus als für andere Reviere. So glänzten im vergangenen Jahr an der Ruhr von je hundert „angelegten“ Arbeitnehmern – so heißt das im Bergbau – 11,35 durch Abwesenheit, wegen Krankheit. In Ibbenbüren, wo die Preussag eine Schachtanlage betreibt, waren es dagegen nur 7,54, aber auch an der Saar und im Aachener Revier wurden die Zahlen der Ruhr mit 9,28 und 9,64 Prozent erheblich unterschritten.

Aber ausgerechnet ein Preussag-Mann, der für das Personalwesen auf der Schaltanlage Ibbenbüren zuständige Hanns Hampe, wäscht den Ruhrkohle-Chef von dem Verdacht rein, an falscher Stelle zuzupacken. Er hält eine Reihe von Argumenten bereit, die seiner Meinung nach das weitaus bessere Abschneiden seines Unternehmens erklären.

Da ist zunächst einmal die Kleinstadt-Atmosphäre, das Nebeneinanderwohnen der Bergleute. Da kann sich niemand einen Krankenschein nehmen und dann unbeobachtet seinen Kleingarten bestellen oder seinen Dachboden ausbauen – der Kumpel von nebenan sieht genau, zu welchen körperlichen Leistungen der angeblich Kranke fähig ist.

Hampe verweist dann auf einen weiteren Tatbestand, der von mindestens gleicher Tragweite ist: In Ibbenbüren sind von den rund 4200 Beschäftigten nur achtzig Ausländer – eine Quote von rund zwei Prozent –, bei der Ruhrkohle werken hingegen neben 120 000 Deutschen rund 23 000 Mitarbeiter anderer Nationalität. Nahezu jeder fünfte kommt hier also aus dem Ausland. Und Ausländern feiern, das weist jede Krankenstatistik aus, häufiger krank.

Die Männer von der Ruhrkohle brauchen allerdings nicht nach Ibbenbüren zu fahren, um diese Erkenntnis zu gewinnen. Denn die Unterschiede, die es zwischen den einzelnen Bergbaurevieren gibt, haben sie im eigenen Haus. So hat Ruhrkohle-Arbeitsdirektor Fritz Ziegler keine Mühe, gleich drei Ruhrzechen aufzuzählen, die besser abschneiden als Ibbenbüren: Fürst Leopold in Dorsten mit 7,43 Prozent, Heinrich Robert in Pelkum bei Hamm mit 7,46 und Walsum am Niederrhein mit 7,5 Prozent. Allen drei Schachtanlagen ist gemein, daß sie in ländlicher Gegend am Rande des Reviers liegen.