Dürer hat Joachim Patinir in Antwerpen kennengelernt, sie haben Freundschaft geschlossen, Bilder getauscht. Dürer hat den zehn Jahre jüngeren Kollegen porträtiert, er hat am 5. Mai 1521 Patinirs Hochzeit mit seiner zweiten Frau mitgefeiert, ein rauschendes Fest, bei dem auch eine Komödie aufgeführt wurde. Im Tagebuch der Niederländischen Reise nennt Dürer ihn den „gut Landschaftsmaler“, womit ein neues Wort, ein neuer Begriff in der Kunstgeschichte auftaucht. Auch für Patinir freilich ist die Landschaft noch nicht das eigentliche Thema, sie bildet noch immer nur den Hintergrund für irgendeine Geschichte aus der Bibel oder noch häufiger aus der legenda aurea, für die Versuchung des Antonius (im Prado) oder das Martyrium der Katharina (im Kunsthistorischen Museum Wien) oder für Hieronymus in der Wüste (im Louvre). Aber die Legende, die Bild-Erzählung wird nicht mehr so wichtig genommen, sie tritt zurück hinter dem riesigen Landschaftspanorama, das Patinir in Schrägansicht, von einem ungewöhnlich hohen Blickpunkt aus entwirft. Die Proportionen haben sich verschoben: Die Figuren sind kleiner geworden, und, noch bemerkenswerter, sie stehen manchmal geradezu fremd, isoliert in der Landschaft herum, ohne rechten Zusammenhang mit ihrer Umgebung. Die Landschaft hat, wörtlick genommen, den Primat vor der Figuration. Erst wird die Landschaft gemalt, die Figuren werden nachträglich hinzugefügt, möglicherweise nicht einmal von Patinir selber. Bei einigen Bildern, etwa der Versuchung des Antonius, hat Quentin Massys die Figuren gemalt.

In der Literatur ist die Frage, ob und mit wem Patinir sonst noch zusammengearbeitet hat, nicht definitiv entschieden. Auch in dem eben erschienenen Buch von Maurice Pons und André Barret: „Patinir oder die Harmonie der Welt“ (aus dem Französischen von Angela Wicharz-Lindner; DuMont Buchverlag Köln; 128 S. mit 49 Farbtafeln; 68,– DM) bleibt die Frage offen: „Selbst wenn er kein besonderes Interesse an den Personen empfunden hätte, war Patinir doch sicher fähig, sie darzustellen, da sie im wesentlichen nicht von den in seiner Zeit gültigen Regeln abwichen.“ Im übrigen und in der Hauptsache geht es um den Landschaftsmaler, um die speziellen Qualitäten seiner Landschaftsmalerei, und es ist nicht zu viel behauptet, daß man die Landschaft Patinirs noch nie in so hinreißend schönen Farbreproduktionen gesehen hat. Das liegt vor allem an den vielen Detailaufnahmen, die den Reichtum, die miniaturhafte Feinheit, die farbige Nuancierung der Hintergründe überhaupt erst sichtbar machen. Unglaublich, was alles auf der Flucht nach Ägypten geschieht, während Maria im Vordergrund Rast hält: Bauern bei der Feldarbeit, der eine sät auf dem braun-violetten Acker, der andere schneidet das reife Korn, ans dem die Soldaten des Herodes hervorbrechen, auf der anderen Seite eine phantastische Basilika vor bizarren Felsen.

Patinir steht ziemlich genau in der Mitte zwischen Bosch und Breugkel, zwischen der imaginären und der natürlichen Landschaft. Man entdeckt eine Fülle genau gesehener Einzelheiten, die sich aber nicht zu einer realen, benennbaren Landschaft addieren, sondern etwas ungemein Poetisches und Friedliches ergeben. Patinir malt nicht Flandern und nicht die Gegend an der Maas, wo er geboren und aufgewachsen ist. Er malt die Welt, Fluß, Ufer, Felsen, Ebene als Vorstellung und Erinnerung. Gottfried Sello