Von Erika Martens

Allzu viel weiß man bisher nicht über den neuen Kandidaten für das höchste Gewerkschaftsamt. Das allerdings ist so verwunderlich nicht. Man könnte eher meinen, dies gehöre sozusagen dazu, um Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu werden. Als Heinz Oskar Vetter vor nun bald dreizehn Jahren in dieses Amt gewählt wurde, ging es ihm und der Öffentlichkeit nicht viel anders.

Und auch über Alois Pfeiffer, der ursprünglich die Nachfolge Vetters antreten sollte, wußte man – abgesehen von den üblichen Lebensdaten – nicht viel mehr, als daß er als Wirtschaftsfachmann allgemeine Anerkennung fand, ansonsten aber als farblos und eher zögerlich galt.

Der neue Mann heißt nun Ernst Breit. Zwar ist er in Gewerkschaftskreisen als Vorsitzender der Deutschen Postgewerkschaft durchaus kein Unbekannter, für die Öffentlichkeit aber setzt er die Tradition seiner Vorgänger fort.

Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Anders als Vetter, der im Frühjahr 1969 den damaligen Kandidaten Kurt Gscheidle nach dessen nächtlichem Abenteuer am berüchtigten Stuttgarter Platz in Berlin ersetzte, schlagen Breit nicht spitze Bemerkungen und Zweifel über seine Qualifikation entgegen. Und anders als Pfeiffer wird ihm nicht nur Sachverstand zugeschrieben, sondern auch Persönlichkeit. Breit war im übrigen der eigentliche Wunschkandidat der Spitzengewerkschafter von Heinz. O. Vetter bis zu Heinz Kluncker. Er selbst aber hatte eine Bewerbung aus persönlichen Gründen immer wieder abgelehnt.

Nun aber rief die Pflicht, und Breit gab schließlich dem Drängen seines Freundes Kluncker nach. Dem ÖTV-Boß, aber auch manchem anderen Gewerkschaftsführer schien Pfeiffers Engagement in Abschreibungsgeschäften mit Berliner Wohnungen der Neuen Heimat nicht hinreichend geklärt. Und Pfeiffers Schweigen auf die bohrenden Fragen nach der Herkunft des angelegten Geldes verstärkte die Kritik – eine schwere Hypothek für die Spitzenposition.

Ernst Breit nun, darüber sind sich alle einig, wird den Ansprüchen der Saubermänner zweifelsfrei gerecht. Er hat, so versichert er, kein Geld in Neue Heimat-Projekten angelegt. In Gewerkschaftskreisen gilt der 57jährige Oberpostrat, der aus dem holsteinischen Dithmarschen stammt, seit langem nicht nur als "guter Mann", sondern auch als absolut integer. Und in diesem Urteil über den ersten Beamten an der DGB-Spitze stimmen ausnahmsweise sowohl linke als auch rechte Gewerkschafter überein. Breit, der damit hoffen kann, einen breiten Rückhalt in den Einzelgewerkschaften zu finden, wird überdies eine Eigenschaft nachgesagt, die unter Arbeitnehmerbossen nicht allzu häufig ist: die Fähigkeit zum Selbstzweifel und zur Selbstkritik. Zum Beweis kolportiert man in seiner Umgebung den Satz: "Wir sind doch alle Universaldilettanten."