Ein Gelehrter, dazu ausersehen, eine "menschliche" Besatzungspolitik zu praktizieren – ist das der neue Stil israelischer Kolonialherrschaft über die rund 1,3 Millionen Palästinenser in Westjordanien und Gaza? Immerhin hat auch Menachem Milson als Zivilgouverneur in den okkupierten Territorien dafür gesorgt, daß die arabische Bir Zeit-Universität ein weiteres Mal geschlossen, das palästinensische Selbstverwaltungsorgan, das "Nationale Führungs-Komitee" aufgelöst und drei Bürgermeister ihres Postens enthoben wurden. Das Resultat dieser "neuen Politik" unter Milsons Leitung ist Rebellion, sind Tote und Verletzte auf beiden Seiten, vornehmlich auf palästinensischer. Ist diese Politik knapp ein halbes Jahr nach der Ernennung Menachem Milsons bereits gescheitert?

Er selber, um kein Wort verlegen, sieht das so: "Das ist, als ob ein Wagen ohne Bremsen einen Berg hinabrast. Um das Auto und seine Insassen, Araber wie Israelis, vor größerem Schaden zu bewahren, muß man seine rasende Fahrt durch die Bedienung der Gangschaltung abzustoppen versuchen. Dabei gibt es natürlich Krach."

Ein Professor, der jahrelang arabische Literatur lehrte, Leiter eines Instituts an der Hebräischen Universität in Jerusalem war, der großen Wert auf ausgesuchte Garderobe legt, mit Krawatte und Einstecktuch – ist das der andere Typ des Israeli, der sich vorgenommen hat, den Palästinensern mal mit dem Zuckerbrot, mal mit der Peitsche beizubringen, wie sie sich als Untertanen der israelischen Besatzungmacht zu verhalten haben: Frieden auf Befehl, Zusammenleben mit den jüdischen Siedlern per Gesetz, Absage an Arafat nach Dienstanweisung? Der gebildete, gewandte, sprachbegabte Menachem Milson trägt zwar zu seinem dunkelblauen Blazer kein Stöckchen, zu seinem Filmstargesicht keinen hochgezwirbelten Schnauzbart – von einem ehemaligen britischen Kolonialoffizier aber unterscheidet ihn fast nur noch seine zivile Kluft.

Er hat sich bereits derart den militanten Praktiken der Okkupationspolitik angepaßt, daß es ihm, dem Literatur-Professor, keineswegs widersinnig erscheint, eine arabische Universität zu schließen (weil es dort wegen des Auftritts eines bewaffneten israelischen Aufsichtsbeamten zu Unruhen gekommen war), die Auslieferung arabischer Zeitungen zu untersagen (obwohl sie die Zensur in Jerusalem passiert hatten) oder den Verkauf von Shakespeares "Kaufmann von Venedig", Orwells Roman "1984", Nerudas Gedichte oder historische Abhandlungen über das alte Ägypten in palästinensischen Buchläden zu verbieten. Professor Menachem Milson, erzogen in Harvard und Cambridge, ein Verteidiger akademischer Freiheiten und der Rechte auf ungehinderte Information? Schließlich hat der Oberst der Reserve in den letzten Jahren seine Wehrdienstzeit als "Berater in arabischen Angelegenheiten" beim Militärgouverneur im Festungskomplex von Beit-El, am Stadtrand Ramallahs, abgeleistet, wo er seit letztem November im ersten Stock, umgeben nur von Offizieren, als Zivilverwalter residiert.

Das ist die typisch israelische Mischung in Menachem Milson: Charmant kann er sein und, wenn es sein muß, auch brutal; freundlich gewinnend und zugleich von kraftstrotzender Energie, die alles niederwalzt; klug ist er gewiß, aber eben auch unberührt von Selbstzweifeln, von Selbstkritik. Neben dem Bulldozer Ariel Scharon, dem Verteidigungsminister, der ihn für den neuen Posten ausgesucht hatte, wirkt der schlanke Hochschullehrer wie ein weltfremder, intellektueller Schöngeist. Tatsächlich aber hat er mit seinem Gönner manches gemein: die forsche, zupackende Art, den entschlossenen Willen, ein Konzept durchzusetzen und sei es um den Preis, jeden Widerstand zu brechen, notfalls mit Gewalt.

Auch Menachem Milson, der Literaturfreund, hat nichts anderes im Sinn, die Palästinenser zu ihrem "Glück" zu zwingen, und das heißt für ihn nichts anderes als: kein Palästina-Staat, keine PLO-Verbindung, keine Abkehr von der israelischen Siedlungspolitik. Es ist ein "Glück", wie es allein die Israelis verstehen, für sich selber. Und Menachem Milson ist ihr Prophet. So, wenn er, der Arabist, ein arabisches Sprichwort schnodderig-schlau zitiert, um das Ende der von Mosche Dajan nach dem Junikrieg von 1967 propagierten "Politik der offenen Brücken" über den Jordan zu signalisieren und die Araber mit ihren "eigenen Waffen" zu schlagen versteht: "Ein Schwert hat zwei Schneiden – wie auch eine Brücke zwei Enden hat."

Angefangen hatte Menachem Milson – sicher unbeabsichtigt – seine neue Karriere mit einem Artikel in der amerikanischen, jüdisch-neokonservativen Zeitschrift Commentary, wo er in der Mai-Ausgabe des letzten Jahres seine Ideen einer anderen "Befriedigungspolitik" für die Palästinenser entwickelte. wie Ronald Reagan durch einen Beitrag in demselben Magazin auf Jean Kirkpatrick aufmerksam wurde, die jetzige UN-Delegationsleiterin der Amerikaner, so Ariel Scharon auf Menachem Milson, den er daraufhin zu seinem "zivilen Arm" ernannte.