Von Christa Rotzoll

So steht es im Verlagsprospekt aus Hamburg: Die Politik des Dritten Reichs sei schon oft untersucht worden, diesmal gehe es um den „Alltag im Faschismus. Was dachten, was empfanden, wie lebten, was bewegte die Deutschen damals?“ Das Thema scheint jetzt allgemein akut zu werden. Überall liegen Erinnerungsbücher von nunmehr ergrauten Pimpfen und Hitler-Mädeln herum. Wer keine eigenen Erinnerungen hat, haben kann, sucht nach Bildern und Dokumenten, um an diesen Alltag heranzukommen. Ich hatte drei wuchtige Bildbände zu studieren:

Frank Grube/Gerhard Richter: „Alltag im Dritten Reich – So lebten die Deutschen 1933-1945“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1982; 224 S., 39,80 DM;

Klaus-Jörg Ruhl: „Brauner Alltag – 1933-1939 in Deutschland“; Droste Verlag, Düsseldorf 1981; 167 S., 46,– DM;

Gerhard Kiersch/Rainer Klaus/Wolfgang Kramer/Elisabeth Reichardt-Kiersch: „Berliner Alltag im Dritten Reich“; Droste Verlag, Düsseldorf 1981; 180 S., 46,– DM.

Wieviel Alltag stellen diese Pressephotos, Amateuraufnahmen und Plakate wirklich wieder her? Konnte irgend jemand knipsen, was die Deutschen dachten oder leider doch nicht dachten? Ein gläubiger Kinderblick und die zum „deutschen Gruß“ emporgereckten Arme, unter dem geblümten Kopftuch der Blondine der mutmaßliche und gleich der Haarfarbe immerhin ideologisch auslegbare Dutt, „Lichtdom“ und Fahnenmeer zur nationalen Feier und das eine Fähnchen vor dem Strandkorb – tief dringt alles das nicht. Vom Führer väterlich umarmt und mit dem Führer auf das gleiche Bild gebannt zu werden, das kann für das Mädchen im Dirndl und für den Knaben in nahezu knielangen Lederhosen kein Alltag gewesen sein, eher war’s ein Augenblick der allerhöchsten Weihe.

„Waldesluft verträgt nicht Judenduft“: Das Schild am Eingang einer Laubenkolonie war allerdings „Berliner Alltag“, und es ist kein Mißgriff, uns das noch mal vorzuhalten. In den Nächten, als die Juden ihre Lastwagen bestiegen, scheint das Licht für Photos nicht gereicht zu haben. Alltägliche Dokumente wären das allerdings auch nicht geworden. Ein Stück Alltag wäre wiederum der Eindruck auf die Umwelt. Doch um da heranzukommen, nachträglich, sollte man besser lesen. Zum Beispiel Stephan Stolze, „Innenansicht“. „Guck nicht hin!“ hat Tante Lina in Berlin die aufgeschreckte Nichte angewiesen. „Wir kannten die Geschichte schon“, sie ging in der Familie um. Auf das Zitat hin ließ ein Neffe jeden weiteren Besuch bei Tante Lina ausfallen. Was ihn erleichterte und niemand rettete.