Bernd Löbachs Buch über "Industrial Design", vor sieben Jahren erschienen und so lebendig wie je, begann mit der Kapitelüberschrift: "Design – die große Verwirrung." Zwar fand er für sich selber die Definition des Designs als einen "Prozeß der Anpassung gegenständlicher Umwelt an die physischen und psychischen Bedürfnisse des Menschen, der Gesellschaft", an die er sich zu halten vermochte; doch das Metier fühlt sich eher unsicher und hält sich Deutungen offen wie noch nie. So wundert einen auch der Titel des dicksten jemals über dieses Thema gedruckten Buches nicht, der sich an eine Zeile Lucius Burckhardts hält "Design ist unsichtbar" (herausgegeben von Helmuth Gsöllpointner, Angela Hareiter und Laurids Ortner, redigiert von Liesbeth Waechter-Böhm; Locker Verlag, Wien, 1981; 694 S., Abb., 118,– DM).

Burckhardts Impromptu, dessen Hauptmotive man freilich schon länger im Ohr hat, will uns bewußt machen, daß es beileibe nicht nur die Gegenstände sind, welche die Rubrik fallen, sondern oft viel mehr die Vorgänge, die sie auslösen oder beeinflussen.

Der Artikel bildet den feuilletonistischen Anfang dieses Wälzers, der einem schwer auf den Knien liegt, ein Monument für das Design, zugleich kritisch und kulinarisch, verwirrt und von wagemutigem Optimismus, allen Erleuchtungen und Verblendungen offen. Das Buch ist der allem Anschein zum Trotz keineswegs immer kurzweilige Versuch, den Begriff Design und seine Ableger wie einen Schwarm Hummeln in zwei Buchdeckeln einzufangen.

Sie waren vor zwei Jahren in einer hunderttägigen Veranstaltung mit dem Titel "Forum Design" in Linz aufgescheucht worden (ZEIT Nr. 31/1980). Sein Ziel war, "eine Standortbestimmung unserer Kultur aus der Sicht des Designs vorzunehmen. Der Begriff... sollte dabei in seiner umfassenden Bedeutung untersucht werden: sein Einfluß auf die Lebensqualität im allgemeinen und auf die Identität jedes einzelnen im besonderen". Und nun ist all das gedruckt, man kann es nachlesen, und es ist viel mehr, als man sich hätte träumen lassen.

Das ist kein Buch geworden, das man auf einen Sitz durchzulesen vermöchte – es würde einen verrückt machen, oder auch langweilen, und nicht nur deswegen, weil es neben erzgescheiten und manchmal aufgekratzt pointierten Aufsätzen eine Menge Kauderwelsch darin zu lesen gibt, in dessen Wucherungen viele Gedanken erdrosselt werden.

Behandelt werden unter anderem: Probleme der Architektur und des Städtebaus, der Alltagswelt, des Milieus, des Wohnbedarfs; man liest über das Kunstgewerbe, den Funktionalismus, die Moderne und die Utopie, über die Dritte Welt, das Schöne, das Nützliche, das Unfertige; man findet eine intelligente Zitatensammlung und einen hinreißenden Abriß der fünfziger Jahre (der das Buch Christian Borngräbers beileibe nicht ersetzt) sowie ein Interview der Herausgeber mit ihrem Kanzler Kreisky als dem "Chefdesigner des Gesamtunternehmens Österreich", worin er auch den Satz sagt: "Ich glaube überhaupt, daß Design etwas darstellt, das auf den Urzustand des Menschen zurückgeht... Es muß also im Menschen ein Schönheitssinn stecken."

Zumindest steckt er in denen, die das dickleibige Buch entworfen haben: Es ist hervorragend illustriert, die graphische Anlage ist von einer wohltuend anregenden Gelassenheit, und so gibt es wenigstens für dieses Produkt die beruhigende Antwort: Design ist sichtbar.

Manfred Sack