Plädoyer für die kritische Solidarität einer aufgeklärten Öffentlichkeit mit den öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten

Von Günter Rohrbach

Jeder zwanzigste bundesrepublikanische Haushalt besitzt heute, einen Videorecorder. Nach Ablauf dieses Jahres wird es jeder zehnte sein, am Ende der achtziger Jahre jeder zweite. In jedem dritten Haushalt wird dann auch ein Bildplattenspieler stehen. Obwohl die Unsicherheit darüber noch groß ist, wie die Kabelpilotprojekte ablaufen sollen, schreitet die Verkabelung selbst zügig fort. In München plant man bereits eine Art Pay-TV, in Baden-Württemberg, in Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen gibt es Überlegungen für ein Privatfernsehen. Spätestens mit Beginn der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts werden wir Fernsehprogramme via Satellit empfangen können. Ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen bald am Ende? Oder nur sein Monopol?

Ein Spielfilm auf Videokassette kostet zur Zeit noch rund zweihundert Mark. Als Leihkassette für eine Woche reduziert sich der Preis auf zwanzig Mark. Auch das ist mehr als die Fernseh- und Rundfunkgebühr für einen ganzen Monat, mehr als dreißig gesendete Spielfilme, ebenso viele Krimis, Quizspiele, Shows kosten, die Versorgung mit Nachrichten, Bildungsprogrammen, Informationsprogrammen, die permanente Verfügbarkeit von Bild, Wort und Musik nicht eingerechnet, Und dennoch sind offenbar Millionen Menschen bereit, diese Summe aufzuwenden für das Vergnügen, einmal zwei Stunden lang Herr über ihre Mattscheibe sein zu können, einmal ihr eigener Programmdirektor.

Fast dreißig Jahre lang wurde der Fernsehkonsum in diesem Lande durch das Monopol der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geregelt. Was man auf unseren Bildschirmen wann sehen konnte, bestimmten die Herren in den Funkhäusern. Sie wählten aus, entschieden, was jedermann zuträglich sei. Sie griffen gestaltend ein in die Tagesabläufe, schrieben vor, wann man informiert werden sollte und wann unterhalten, an welchem Abend man lustig sein durfte und an welchem traurig. Die Zuschauer folgten dieser Vorgabe zunächst fasziniert, dann geduldig und zuletzt mehr und mehr widerwillig. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß seit Anfang der sechziger Jahre zwei und wenig später sogar drei Programme mit ihren Alternativangeboten zur Verfügung standen. Da zur Koordination verpflichtet und zur Konkurrenz nur vorsichtig angehalten, vermittelten die Sender dem Zuschauer auch dann noch den Eindruck behutsamer Gängelung.

Das hat die Beliebtheit der Fernsehveranstalter nicht gerade gefördert. Im Gegenteil, allzusehr war der Konsum dieses Mediums aus den Marktmechanismen einer Überflußgesellschaft herausgehoben. Wo man alles kaufen kann, wenn man nur Geld genug hat, war ausgerechnet das Fernsehen kontingentiert. Für die Television zahlt man kein Geld, sondern eine Gebühr. Fernsehen gibt es gewissermaßen auf Bezugsschein. Vor dem Fernseher sind alle gleich.

Daß die Gebühr so lächerlich niedrig ist, erzeugt keine Dankbarkeit, sondern eher Verachtung. Auf Fernsehen hat man einen Anspruch wie auf den elektrischen Strom und die Postzustellung.. Fernsehen hat kein Prestige, weil es dem, der es konsumiert, kein Prestige vermittelt.