Von Dietrich Segebrecht

Seit 25 Jahren veröffentlicht Christoph Meckel Gedichte, Radierungen, Geschichten, Holzschnitte, Chansons, Satiren, Romane. Er hat sich in dieser Zeit vorgestellt als Poet, Visionär, melancholischer Märchenerzähler, glücklicher Magier, rastloser Vagabund, zu Hause im Land der Umbramauten, in der Stadt Baan, unter Tramps, Matrosen, Globetrottern, im Bund mit Traumgestalten, Schutzengeln, lebendigen Gedankengeschöpfen. Seit einem Vierteljahrhundert bereichert Meckel mit den weitläufigen Anregungen seiner Phantasie die arme Welt, in der wir leben.

Wie also? Luftige Imagination und Pusteblumen-Poesie? Kapriziöses Konfetti und farbiges Feuerwerk? Der Dichter als liebenswürdiger Erfinder erstaunlicher Passepartouts für Gedankensprünge aus dem Rahmen? Ein bißchen, mag sein, ist diese Vorstellung festgeschrieben, wenn man an Meckels Hervorbringungen denkt, die, nach einer Charakterisierung des Autors selber, „tausendundeindeutig“ sind.

Nur, daß die Äquilibristik zwischen tausend und eins genau das ist, worum es im ganzen geht, sofern im Ernst von Poesie die Rede sein kann. Mit einem kurzen Blick kommt man nicht dahinter. So ist auch das neue Buch von –

Christoph Meckel: „Nachricht für Baratynski“; Hanser, München, 1981; 157 S., 19,80 DM nur Teil eines größeren Kunststücks, zusammengesetzt aus vielen Teilen. Am Anfang überwogen, betrachtet man die Entwicklung von Meckels Prosa, die koboldischen Phantasiefiguren namens. Ucht oder Tullipan, Magalan oder Tunifer. Eine magische Prosa, wunderbar, kindlich-spleenig; unheimlich einmal, ein andermal unbekümmert. Prosa, die vieles ins Werk setzt: Bilder, Rätsel, Schattenspiele, Puppentheater, Paradiese, Spukwelten. „Schreiben warum?“ Meckels Antwort: „Weil ich mir meinen eigenen Himmel und eine eigene Erde schaffen will...“.

1978 eine scheinbare Wendung. Meckel ließ seine erste realistisch erzählende Geschichte erscheinen, „Licht“: eine bewegende Lovestory, etwas vordergründig im schicken Milieu vielgereister Journalisten angesiedelt. 1980 folgte „Suchbild“, eine Aufzeichnung von Erinnerungen an den Vater, zugleich eine reflektierende Charakteristik der Kriegs- und Nachkriegszeit. Und jetzt „Baratynski“.

Auch dies keine pure Erfindung: Jewgenij Abramowitsch Baratysnki, ein aus dem Feudalmilieu stammender russischer Dichter, hat tatsächlich gelebt. 1800 wurde er geboren, 1844 starb er. Stationen seines Lebens: 1812 Pagencorps in Petersburg, später Militärdienst in Finnland, Freundschaft mit dem großen Puschkin und diskrete Kontakte zu den Adelsrevolutionären, die 1825 einen planlos begonnenen und deshalb schnell niedergeschlagenen Aufstand gegen das zaristische Regime wagten. Danach scheidet Baratynski aus dem Militär aus, heiratet, zieht sich auf seine Güter zurück. 1843/44 unternimmt er eine Reise nach Frankreich und Italien; er stirbt in Neapel.