ARD, Sonntag, 4. April, 20.15 Uhr: "Die Wahlverwandtschaften‘, Film von Claude Chabrol

ARD, Dienstag, 6. April, 23 Uhr: "Die Wahlverwandtschaften – ein Traktat mit Personen", von Reinhard Baumgart und Michael Mrakitsch

Auf dem Küchentisch liegt ein toter, gerupfter Vogel – man schneidet ihm den Hals durch, reißt ihm die Eingeweide aus dem Leib. Eine blutige Szene – und natürlich ein Symbol. Denn Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften", den Claude Chabrol fürs Fernsehen verfilmt hat, ist tatsächlich eine blutige Geschichte, in der Köpfe abgeschlagen, Herzen ausgerissen werden. Eine vollkommene Katastrophe – erzählt allerdings in einem Buch der vollkommenen Ruhe.

Zwei Paare, zwei Morde, kein Glück für die Überlebenden: "Blutige Hochzeit" hieß ein Film, den Chabrol 1972 gedreht hat. Genau zehn Jahre danach ‚Die Wahlverwandtschaften": zwei Paare, zwei Tote, und wieder kein Glück für die Überlebenden.

Doch die naheliegende Erwartung, Chabrol werde aus Goethes Buch einen Chabrol-Film machen, also eins neue, abgründige Variation über bürgerliche Kultiviertheit und bürgerliche Bestialität, erfüllt sich nicht. Chabrol, voller Respekt für die alte, fremde Geschichte, erzählt keine neue, eigene; und zunächst ist diese Demut sehr sympathisch: der Verzicht darauf, den Roman mit zeitgenössischen Mitteln zu verfremden und ihn so (auf bequeme Art) uns Zeitgenossen, Kunstgenossen vertraut zu machen.

Aber leider erweist sich Chabrols Demut schnell als bloße Vorsicht. Aus lauter Angst, etwas falsch zu machen, hat er einen faden Film gemacht: einen Fernsehfilm, eine Literaturverfilmung, Chabrols Versuch, im Jahre 1982 einen ganz einfachen, klaren, einen klassischen Film zu inszenieren, endet in der gipsernen Imitation: im Klassizismus.

Die blutige Schlachtszene in der Küche soll ein Symbol sein; aber in Chabrols Film geht es keiner Figur wirklich an den Hals, ans Leben. Kultivierte Schauspieler, sorgsam photographiert und Choreographien, posieren in der Geschichte kultivierter, ferner, nicht gerade faszinierender Menschen.