Von Henryk M. Broder

Die Redaktion der Zeitschrift konkret hat kürzlich ein Sonderheft zum Thema Sport herausgebracht. Nachdem in der Vergangenheit bereits Sonderhefte über Sexualität und – jeweils zur Buchmesse – über Literatur erschienen sind, wird nun ein Phänomen behandelt, das die Themen der vorausgegangenen specials sozusagen symbiotisch verbindet: Sport als Sex für die Massen, von dialektisch geschulten Literaturproduzenten analytisch auf den kritischen Begriff gebracht.

Es wäre einiges dazu zu sagen, daß in diesen Tagen der galoppierenden Tendenzwende, da ehemalige Revolutionäre Bausparverträge abschließen, gewesene Feministinnen Kinder bekommen und frühere Internationalisten einem „gesunden Patriotismus“ das Wort reden, daß in diesen Tagen eine linke Zeitschrift den Sport entdeckt und mit diesem Vehikel die Annäherung an ein Publikum versucht, von dem offenbar angenommen wird, daß es mit dem Kicker-Sport-Magazin nicht gut genug bedient wird.

Natürlich wird der Sport als ein Kommerzunternehmen entlarvt, mit dem die Sportkonsumenten von ihren wahren und eigentlichen Interessen abgelenkt werden; es versteht sich auch von selbst, daß eine bürgerliche von einer proletarischen Sportbewegung unterschieden wird, wobei die eine reaktionär-repressiv und die andere fortschrittlich-emanzipatorisch ist. Dies sind die üblichen Gemeinplätze, die in linken Analysen über Sport genauso vorkommen wie in linken Analysen über Literatur oder Sexualität – der nächste Patient, dieselbe Diagnose.

Was an diesem Sportheft freilich neu ist, was den Leser vor den Kopf stoßen muß, ist eine Botschaft, die – obwohl nicht wörtlich ausgesprochen – nicht zu übersehen, nicht zu überlesen ist: Nicht das Sein bestimmt nunmehr das Bewußtsein, eine Feststellung, der auch Nicht-Marxisten zustimmen konnten, es ist genau umgekehrt: Das Bewußtsein bestimmt das Sein. Soll heißen: Wer das richtige Bewußtsein hat, pflegt auch automatisch das richtige Sein. Was eine linke Zeitschrift einem bürgerlichen Mitmenschen nie durchgehen lassen würde, das stellt sie bei einem Weggenossen, bei einem, der mit dazu gehört, nicht mal der Höflichkeit halber in Frage. Die Bewußtseinskameraderie – man könnte auch sagen: Gesinnungslumperei – bildet ein festes Band der Solidarität, das weder von einem logischen noch einem ideologischen Widerspruch zerrissen werden kann,

Das sieht dann, zum Beispiel, so aus: Die Reporterin Peggy Parnass interviewt den Schriftsteller Günter Wallraff über dessen neue Leidenschaft, das Dauerlaufen. Die Geschichte heißt „Ich laufe gegen mich selbst“. Wenn es einen Oscar für die journalistische Peinlichkeit des Jahres gäbe, die Peggy und der Günter kämen an dieser Auszeichnung nicht vorbei. Nur noch ein Gespräch zwischen Bully Buhlan und Harald Juhnke, vielleicht unter dem Titel: „Ich trinke gegen mich selbst“, könnte, den beiden den Rang ablaufen.

Peggy Parnass fängt das Gespräch mit den folgenden Worten an: „Günter, du warst immer mein Bruder im Leid, ausgezehrt, heruntergekommen, kaputt, am Rande des Zusammenbruchs oder gerade dabei oder danach. Jetzt sehe ich dich seit einiger Zeit als das blühende Leben. Hast du all deine Süchte aufgegeben?“ Worauf Günter Wallraff antwortet, es gehe ihm – „seit ich dieser Leidenschaft nachgehe und nachlaufe“ – tatsächlich viel besser, er trinke keine scharfen Sachen mehr, allenfalls „trockenen Wein“, der aber auch „durchaus seine Wirkung hat“, worauf Frau Parnass mit der überraschenden Frage nachsetzt: „Wie .bist du auf die Idee gekommen, zu laufen? Bist du plötzlich die Straße entlanggelaufen und hast gemerkt, es tut dir gut? Vielleicht der Bahn oder einem Mädchen nach, oder wie kam das?“ Daraufhin gibt Herr Wallraff preis, daß es weder ein Mädchen noch eine Bahn war, sondern ein Versicherungsagent. Der, ein Dauerläufer, wollte Wallraff eine Lebensversicherung verkaufen und schlug ihm vor, einmal mitzulaufen. Danach war, sagt Günter Wallraff, „Sauerstoff ab sofort meine Droge“, „Schwachstellen“ in den Knien wurden besser, Kannen von Kaffee überflüssig. Aber nicht nur das, Laufen sei kein Selbstzweck, sagt Wallraff: „In der Psychiatrie wird Laufen therapeutisch eingesetzt, denn Depressionen sind Stoffwechselstörungen... Außerdem hat das Laufen etwas Kommunikatives, ein sensibles Miteinanderumgehen. Egal aus welcher Richtung. Jedenfalls kenne ich keinen Faschisten, der läuft.“