Von Andreas Kohlschütter

Damaskus, Ende März

Was in dieser Stadt geschah, ist beendet.“ Dies war Präsident Hafez Assads spröder Schlußkommentar zur schwersten inneren Krise, die Syrien seit seiner Machtergreifung 1970 erschüttert hat. Beinahe vier Februar-Wochen lang tobte in Hama, der viertgrößten Stadt Syriens (280 000 Einwohner), der Aufstand gegen das Damaszener Baath-Regime. „Dreifach ketzerisch“ nannten es die Aufständischen: laizistisch, alawitisch, prosowjetisch. Angezettelt hatten den Aufruhr die Religionsfanatiker der fundamentalistischen Muslimbruderschaft, die sich in dieser Hochburg sunnitischer Orthodoxie mit ihren hundert Moscheen verschanzt und schwer bewaffnet hatten. Ihre Erhebung wurde mit brutaler Gegengewalt niedergeschlagen, ertränkt in Blut und Leid von einer schließlich auf 11 000 Mann angewachsenen Streitmacht: Panzer, Schützenpanzer, Artillerie, Hubschrauber, Fallschirmjäger, Regimeschutz-Sondertruppen, Staatssicherheitskräfte.

Die Zeit des mittelalterlichen Mordens, Plünderns und Brandschatzens ist vorbei. Die Kanonen schweigen. Hama liegt in Schutt und Asche. Das alttestamentarische Hamat am Orontes-Fluß, eine der ältesten Städte der Welt, die Gott, wie es heißt, in grauer Urzeit schuf und bei seiner Rückkehr auf die Erde als einzige wiedererkannte, weil sie sich als einzige nicht verändert hatte, ist nicht mehr. Die legendären „Norias“, die Großwasserräder, die mit ewig knarrenden Drehungen durch die Jahrhunderte Zisternen und Aquädukte füllen, stehen still. Von der pittoresken Altstadt, den in Fremdenführern angepriesenen Palästen und Gotteshäusern, von dem babylonische, salomonische und assyrische Vergangenheiten bezeugenden Museum sind nur elende Reste übriggeblieben. Westliche Militärattachés greifen auf Eindrücke aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, um das Ausmaß der Zerstörung zu beschreiben: „Stalingrad“, „Berlin 1945“.

In den Trümmerfeldern der ehemaligen Stadtviertel von Kelaniye, Sambaiye, Hamediye stochern und wühlen ratlose Menschen herum. In prallvollen Plastiktüten tragen sie ausgegrabene Habseligkeiten weg, ausdruckslos und stumm, noch immer wie gelähmt. Rundum sind bereits die Bulldozer am Werk. Sogar am heiligen Freitag lassen sie nicht locker. Sie räumen auf, reißen ab, schieben Schutt, decken Massengräber zu. Die Regierung versprach den sofortigen Wiederaufbau der Stadt. Doch in der Bevölkerung geht die böse Rede um von einem Plan, nach dem im „alten Stadtzentrum nur noch Gras wachsen soll“. Der Plan sieht ferner, so heißt es, politische Manipulationen wie die möglichst breite Streuung der Wohnviertel und eine Auflockerung des sunnitischen Mehrheitsblocks durch systematische Ansiedlung von Alawiten aus den umliegenden Dörfern vor.

Ein in Westeuropa ausgebildeter Ingenieur prophezeit „das total kontrollierbare neue Hama, mit breiten Boulevards ohne tote Schußwinkel“. Ein verbitterter Akademiker ist überzeugt: „Sie wollten Hama schon lange fertigmachen und umbringen, jetzt ist es soweit.“ Ein arabischer Botschafter in Damaskus nennt als Wiederaufbauziel: „Den oppositionellen Abszeß von Hama ein für allemal leeren.“

Fürs erste jedenfalls ist Hama am Ende. Verwüstet, verlassen, total ausgeplündert, „als wäre Dschingis Khan hier durchgezogen“, wie ein ruinierter christlicher Geschäftsmann kommentiert. Todesangst, menschenfeindliches Mißtrauen, die gefürchteten Paras und die Terror verbreitenden Sondereinheiten des Präsidentenbruders, Rifaat Assad, regieren die Stunde. Jedes Gespräch enthüllt neue Bilder des Grauens aus dem in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar ausgebrochenen „Krieg um Hama“.