Von Gottfried Pauken

Dezember 1981, Festveranstaltung im Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR. Generäle in weißen Gala-Uniformjacken, Professoren in dunklen Anzügen. In der ersten Reihe Verteidigungsminister Armeegeneral Hoffmann, Hochschulminister Böhme und Gesundheitsminister Mecklinger, als Gast der sowjetische Armeegeneral Schawrow. Man erhebt das Glas anläßlich der Gründungsfeier der Militärmedizinischen Akademie der DDR. Deren neuernannter Chef ist Generalleutnant Professor Dr. Hans-Rudolf Gestewitz.

Sein Name und der des Gesundheitsministers Mecklinger erscheinen auch in dem Buch:

Clive Freeman / Gwynne Roberts: „Der kälteste Krieg. Professor Frucht und das Kampfstoff-Geheimnis.“ Ullstein Verlag, Berlin/Frankfurt/M. / Wien 1982, 332 S., 32,– DM.

Professor Adolf-Henning Frucht, geboren 1913 in Torgau, lebte von 1945 bis 1977 in der DDR – aber von diesen 32 Jahren verbrachte er zehn Jahre im Zuchthaus, davon fünf in Einzelhaft, verurteilt wegen Spionage, einer der spektakulärsten Fälle der letzten Jahrzehnte.

Clive Freeman und Gwynne Roberts, zwei britische Autoren, haben seine ungewöhnliche Geschichte aufgeschrieben. Mehr noch, sie haben tiefer gebohrt, haben versucht, den Wahrheits- oder Wahrscheinlichkeitsgehalt dieser manchmal phantastisch klingenden Story zu prüfen, sie haben Gutachten eingeholt und befragt, wen sie nur befragen konnten. Daß sich keine offizielle Stelle der DDR zur Auskunft bereitfand und amerikanische Stellen recht zugeknöpft waren, wird man nach der Lektüre des Buches leicht verstehen. Alles in allem bewahren Freeman und Roberts zu Frucht eine Verständnis- und respektvolle, dennoch leicht distanzierte Haltung – was ihrer Schilderung freilich nur zugutekommt.

So sind sie nicht der Gefahr erlegen, eine knallige Agentenstory zu schreiben. Dagegen hätte sich Frucht bestimmt auch gewehrt; denn ein Superagent nach landläufiger Vorstellung war er nicht. Die Darstellung im Buch ist kühl, ruhig, dicht. Dennoch gelingt es den Autoren, dem Leser das unruhige, nicht leicht zu fassende Persönlichkeitsbild Früchts nahezubringen. Es wird verständlich, weshalb dieser Mann so gehandelt hat und weshalb er so wurde, wie er ist.