Sokhom flieht vor den Soldaten, die das Dorf verwüstet: und ihre Familie ermordet haben. Sie wird mit anderen Flüchtlingen in ein Lager verschleppt später in eine Großfamilie abgeschoben. Danach neue Erziehungslager, Schwerstarbeit, Hunger, Krankheit, fast tödliche Erschöpfung. Diese Zeit im Arbeitslager, einem KZ der Roten Khmer, in dem Willkür, Folter, Psychoterror und Mord Alltag bedeuten, endet erst mit der Befreiung durch vietnamesische Soldaten. Aus den Baracken der Pol-Pot-Gefolgsleute kommt Sokhom ins thailändische Camp Khao Lan; später wird sie mit hundert kambodschanischen Kindern in die Bundesrepublik fliegen.

In dürren Worten ist dies die Geschichte eines dreizehnjährigen Mädchens aus Kambodscha, das den Massakern eines Mörderregimes lebend entkommen konnte. Keine authentische Geschichte, sondern Fiktion. Aber so und noch schrecklicher erlebten in den Jahren 1975 bis 1979 Hunderttausende von Kindern das Blutbad der Roten Khmer. Aus Protokollen, Dokumenten, Reportagen und Erzählungen kambodschanischer Kinder hat die Autorin Sokhoms Bericht zusammengefügt –

Nina Rauprich: „Ich heiße Sokhom“; Verlag Otto Maier, Ravensburg; 144 S., 15,– DM.

Um größtmögliche Authentizität herzustellen, wählt Nina Rauprich die Form des Ich-Erzählers. Sie stellt sich damit die fast unlösbare Aufgabe, nicht nur politische Informationen zu geben (das heißt: Zahlen, Fakten, Hintergründe aufzeigen), sondern außerdem eine psychologisch glaubhafte Sprache zu finden, in der ein dreizehnjähriges Mädchen traumatische Erlebnisse – Massaker, Trauer, Schock – fassen kann, eine Sprache, die nicht den Nachgeschmack einer Rekonstruktion haben darf. Ich kenne nur wenige Autoren, die diesen gewaltigen Anspruch literarisch einlösen konnten. Jona Oberski zum Beispiel mit seiner erschütternden Novelle „Kinderjahre“, die das KZ aus der Perspektive eines ganz naiv erzählenden Jungen beschreibt.

Dem Bericht Sokhoms sind 25 Seiten angefügt, in denen Hermann Vinke Eindrücke aus den Camps an der kambodschanischen Grenze wiedergibt. Dazu gehören Photos aus Nong Samet und anderen Lagern; sie zeigen Krüppel, Kindersoldaten und halbtote Babys, die dem Holocaust entkamen. Diese ganz klare journalistische Form erscheint mir für ein politisches Jugendbuch am glaubwürdigsten. („Kinder im Elend“ von Bernard Clavel, eine der ergreifendsten Dokumentationen über Grauen und Irrsinn des Krieges, gibt lapidare Notizen, manchmal nicht mehr als fünf Sätze. Gerade Kürze und Nacktheit der Information lösen die größte Betroffenheit aus.)

Das Glossar und die Zeittafel im Anhang zur Geschichte Sokhoms hätte ich mir umfangreicher, genauer und kritischer, gewünscht. Es fehlt auch ein konkreter Hinweis für den Leser, an wen er sich wenden kann, um selbst Hilfe zu leisten. Damit wird eine Chance vertan, emotionale Beteiligung des Lesers sofort für handfestes Engagement zu nutzen.

Trotz dieser Einwände ist „Ich heiße Sokhom“ ein wichtiges Jugendbuch. Wir haben nicht viele politische Bücher für Jugendliche. Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen („Amigo, ich singe im Herzen“, „El Loco, der Spinner“, „Er war sechzehn, als man ihn hängte“, „Das kurze Leben der Sophie Scholl“, „Carl von Ossietzky“), hat die „phantastische“ Welle politische Themen ziemlich verdrängt.