Von Ludwig Hang

Amerika ist ein schwerer Brocken, er ist so unverdaulich, daß ich jetzt, nach vielen Wochen, immer noch dasitze und an ihm würge. Als wir beide im Flugzeug saßen, heiter und hungrig vor Vorfreude, jeder mit einem Amerika-Buch auf den Knien, Brigitte mit –

John Kennedy Toole: „Ignaz oder die Verschwörung der Idioten“, aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Marginter, mit einem Nachwort von Walter Percy; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 436 S., 36,– DM

mit einer „Lektüre für die Reise? Für die Einstimmung in die USA?“ wie die ZEIT-Redaktion an- und aufregend fragte, da war die Welt noch in Ordnung, Mut und Muskulatur waren noch intakt, und der psycho-physische Parallelismus funktionierte so herrlich, wie es der amerikanische Behaviorism so gern beschreibt. Ich bewegte meine Lippen, wie ich’s immer beim Lesen tue, und Brigitte schüttete sich vor Lachen aus und zog sich entrüstete Blicke zu, weil sie sich über einen Satz des Klappentextes hinweggesetzt hatte, wo es heißt: „Lesen Sie diesen Roman nicht im Flugzeug und nicht im Wartezimmer: Sie fallen sonst durch Ihr Gelächter unangenehm auf.“

Aber je unverdaulicher sich Amerika für uns erwies, je tiefer die Verstörung sich im Verdauungsapparat bemerkbar machte, und je tiefer ich meine Nase in Tooles Roman steckte, um so mehr wurde mir bewußt, daß ja nicht uns allein, sondern daß auch dem Helden des Romans, einem geborenen und in alle unsäglichen amerikanischen Kausalitäten eingeübten Amerikaner als Opfer einer erfaßten, einer verplanten, einer total geschmacklos gemachten Gesellschaft das Würgen ankam. Ignaz leidet nämlich am Pylorus, und wer am Pylorus leidet, ist nur schwer zu kurieren.

Nachdem es im ersten Drittel des Buches an einer Stelle heißt: „Die von Ignaz’ Pylorus zurückgestanden Gase einer Packung Lebkuchen stießen ihm dröhnend auf“‚ im zweiten Drittel: „Die Dr. Nuts spülten wie Säure durch seine Eingeweide, der Pylorus staute das Gas, das Ignaz Bauch blähte, wie das Ventil eines Ballons“, kommt der Pylorus erst auf der letzten Seite des Buches zur Ruhe: „Die frische Luft wirkte wie Speisesoda: Der Pylorus löste sich“, und dabei geht es um alles andere als ums Essen und Trinken.

Es geht in J. K. Tooles Roman um einen Außenseiter der Gesellschaft von New Orleans, einen „Wirrkopf von Gottes Gnaden“, wie Walker Percy, der von Peter Handke übersetzte Autor des Romans „Der Kinogänger“, in seinem Nachwort sagt und ihn mit einem verrückten Oliver Hardy, einem fetten Don Quijote, einem perversen Thomas von Aquin vergleicht; es geht im Grunde um einen Einzelgänger, der nicht mehr funktioniert, nicht weil er ein unangepaßter Saurier wäre, der nicht mehr zurechtkäme, sondern ein Häretiker, der sich entschlossen hat, Sendungsbewußtsein in die Welt zu bringen, ein Weltverbesserer aus Abscheu dem gleichmachenden Idealbild gegenüber.